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Foto: imago/AllOver
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Die Menschen werden heute oft mit Trauer allein gelassen.

Wie wir mit dem Tod umgehen Totenstille: Die Angst, das Falsche zu sagen

Zwei Jahre nach dem Tod ihres Verlobten hielt Ariane Menge* es nicht mehr aus in ihrer Heimatstadt. Sie fühlte sich isoliert. Die meisten ihrer Freunde und Bekannten waren abgetaucht. Wenn sie ihr zufällig über den Weg liefen, wechselten sie die Straßenseite, sie huschten in einen Gang im Supermarkt oder kramten in ihren Taschen. Ihre beste Freundin aus der Schulzeit besuchte sie noch ein einziges Mal, dann ging sie aus der Tür und kam nie mehr zurück. „Es fühlte sich beinahe so an, als wäre ich selbst gestorben“, sagt Menge, die heute 43 ist.

In jenem Frühjahr 2004 hatte ihr damaliger Freund Carsten* Ariane Menge gerade gefragt, ob sie seine Frau werden wolle. Sie wollte. Carsten, 31, war ihre große Liebe, ein Mann von fast zwei Metern, der mit seinem schallenden Lachen und seiner Energie jeden Raum füllte. Noch heute hört man diese Liebe, wenn Menge von ihm spricht. Ganz beseelt seien sie gewesen, als er sich verabschiedete und auf sein Motorrad stieg. Die Zukunft lag vor ihnen. Bis ihr Telefon klingelte. Ein Unfall. Zwei Tage lag Carsten im Krankenhaus, aber er hatte keine Chance.

Menge sagt, dass sie sich in den Tagen, Wochen und Monaten nach Carstens Tod sehr gewünscht habe, dass jemand sie anspricht, dass einer fragt: Wie geht’s? Doch fast niemand habe auch nur diese drei Worte herausgebracht. Über die eigene Hilflosigkeit hinwegzustolpern, das hat bloß ein ganz kleiner Kreis geschafft. Ihre Freundin Katja* zum Beispiel. Obwohl deren Kinder noch klein waren und sie eigentlich keine Zeit hatte, war sie in der gesamten Trauerzeit für Menge da. „Manchmal hat sie einfach nur geklingelt, um mir etwas zu essen oder eine Schachtel Kippen vorbeizubringen.“ Die Fürsorge, die in diesen Gesten lag, habe ihr so geholfen wie nichts anderes.

Die Angst, das Falsche zu tun

„Nach einem halben Jahr denken die meisten, dass das mit der Trauer langsam mal durch sein muss“, sagt Ariane Menge. Ist es aber nicht. Nach zwei Jahren ging es ihr sogar schlechter als unmittelbar nach Carstens Tod. In dieser Phase habe sie sich komplett abgetrennt gefühlt von der Welt. Fast niemand habe das Thema anrühren wollen, Carstens Name durfte nicht mehr ausgesprochen werden, so hat sie es empfunden. Menge ist dann weggegangen aus der Stadt, in der sie seit Kindestagen wohnte, und nach Berlin gezogen.

Aber wie kann es sein, dass jemand, der einen so schrecklichen Verlust erlitten hat und so dringend auf Zuspruch angewiesen ist, plötzlich alleine dasteht? Tobias Schwarz*, 40, Politologe in Berlin, erinnert sich, wie es ihm ging, als ein guter Freund vor drei Jahren ganz plötzlich seinen Bruder verloren hat. In den ersten Tagen und Wochen musste er ständig an seinen Freund denken und wusste doch nicht, wie er auf ihn zugehen sollte. Er fühlte sich wie gelähmt. Woher sollte er irgendeinen Trost nehmen? Wie wollte er gegen den Tod denn ankommen? Er hatte Angst, das Falsche zu tun, das Falsche zu sagen, Angst, dass ihm nichts Tröstliches einfallen würde, Angst, dass sein Freund weinen würde oder, schlimmer noch, er selbst. „Die Angst, etwas falsch zu machen, führt nicht selten, leider sogar recht häufig, zu Schweigen, Abwarten, Distanz. Und manchmal dann wortlos zum langsamen oder auch abrupten Abbruch der Verbindung“, schreibt Ulla Engelhardt im Buch „Jung verwitwet“.

Die Gesellschaft habe den Tod „ausgebürgert“

Menge sagt, viele Freunde hätten ihr zwar angeboten, sie könne sich jederzeit melden. Aber: „Das stimmt nicht.“ Niemals, das sagt sie mit großer Vehemenz, niemals könne ein Trauernder auf die anderen zugehen. Dazu habe er gar nicht die Kraft. „Man schwebt da wirklich zwischen Himmel und Erde.“ Zwei Monate hat sie gebraucht, bis sie zum ersten Mal wieder in die Uni gehen konnte, wo sie Kunst studierte, zehn Kilo hat sie in der ersten Zeit verloren. Sich bei jemandem melden? Daran war nicht zu denken.

Der Historiker Philippe Ariès beschreibt in seiner „Geschichte des Todes“, wie sehr sich die Trauerkultur der westlichen Welt in den letzten 100 Jahren gewandelt hat. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe der Tod eines Menschen sich auf die ganze soziale Gruppe ausgewirkt. Die Vorhänge im Zimmer des Sterbenden wurden geschlossen, die Totenglocke läutete, das Haus füllte sich mit Nachbarn, Angehörigen und Freunden, die zum Kondolenzbesuch kamen. Der Tod war auch ein öffentliches Ereignis, das die ganze Gesellschaft bewegte. Demgegenüber habe die Gesellschaft heute den Tod „ausgebürgert“. Von den rund 850 000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland sterben, verscheiden etwa 70 Prozent in Krankenhäusern und Heimen. Nichts zeigt mehr an, dass etwas passiert ist. Der Leichnam wird in der Regel nicht mehr aufgebahrt, das Waschen des Toten übernehmen die Bestattungsinstitute, die Beerdigung unterbricht nur kurz die üblichen Abläufe. Für die Trauerzeit danach gibt es kaum noch allgemein verbindliche Rituale.

Rituale seien ursprünglich oft im Umgang mit Grenzsituationen entstanden, sagt der Berliner Psychologe Peter Walschburger. Sie können den Mitgliedern einer Gemeinschaft dabei helfen, Situationen zu bewältigen, die die alltäglichen Erfahrungen überschreiten. So wie Geburt und Tod. Durch die Individualisierung sei die Hemmschwelle, sich an einen Trauernden zu wenden, höher geworden: „Die Kondolierenden sind sich nicht mehr sicher, welche Form der Anteilnahme angemessen ist“, so Walschburger.

Illustration: Katharina Metschl für den Tagesspiegel

Betroffene brauchen immer wieder jemanden, der zuhört.

Illustration: Katharina Metschl für den Tagesspiegel

Betroffene brauchen immer wieder jemanden, der zuhört.

Die Zurückhaltung gegenüber Trauernden hat aber wohl noch einen anderen Grund. „Jeder macht heute sein eigenes Ding, alle sind vollgepackt mit Terminen“, meint Walschburger. Das Leben scheint sich permanent zu beschleunigen. Laut einer aktuellen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes sagen 41 Prozent der Arbeitnehmer, dass ihnen aufgrund der hohen Arbeitsbelastung häufig die Energie fehle, sich am Feierabend der Familie oder Freunden zu widmen. Wer ist da noch bereit, sich um jemanden zu kümmern, dem es dauerhaft schlecht geht?

Wenn man sich auf die Trauer eines Freundes einlässt, wird einem unweigerlich bewusst, wie fragil auch das eigene Glück ist. Der Schriftsteller Julian Barnes schreibt in seinem Buch „Lebensstufen“, wie sein Umfeld auf den Tod seiner Frau reagiert hat: „Manchen Freunden macht das Leid ebenso viel Angst wie der Tod; sie gehen einem aus dem Weg, als fürchteten sie, sich anzustecken.“

Das könnte ein Grund dafür sein, warum es seit den 80er Jahren professionelle Trauerbegleitung in Deutschland gibt. Die Berliner Trauerbegleiterin Maria Wedel sagt, dass sich heute mehr Menschen an sie wenden als noch vor wenigen Jahren. Manche ihrer Klienten fürchteten, ihrem Umfeld zur Last zu fallen. In der Trauerbegleitung finden sie dagegen einen geschützten Raum, in dem sie ihren Schmerz, ihre Angst und Wut ausleben können. Über den Verstorbenen zu sprechen, sei besonders wichtig, meint Wedel: „Wenn die Trauernden erzählen dürfen, wie der Verstorbene war, was er am liebsten gegessen hat oder wie er gegangen ist, lächeln sie sogar.“ Wedel bildet auch Gruppen. Dort treffen ihre Klienten auf andere Betroffene und können neue soziale Kontakte aufbauen.

"Das ist wie eine Amputation"

Ihr Rat für die Angehörigen und Freunde ist ganz einfach: Da sein und dranbleiben. „Solange wir uns nicht abwenden, haben wir alles richtig gemacht.“ Auch Ulla Engelhardt schreibt: „Die Erwartung des Trauernden ist nicht, dass jemand kommt, der alles wiedergutmacht, sondern einfach nur, dass jemand kommt.“ Der Betroffene brauche immer wieder jemanden, der zuhört. Das bedeute auch, dessen Verzweiflung auszuhalten, ohne sofort trösten zu wollen: „Eine Zeit lang sind Trauernde untröstlich“ – und alle Versuche, sie von diesem Gefühl entfernen zu wollen, fühlen sich für sie falsch an.

Ariane Menge erzählt von einem Freund, der kurz nach Carstens Tod zu ihr gesagt habe: „Ich finde, ihr habt sowieso nie zusammengepasst.“ Menge sagt, das habe sie tagelang fertiggemacht. Der Freund dachte wohl, es könnte helfen. Es gibt da keine Abkürzung, egal wie man es anstellt, glaubt Menge. Bei ihr hat es drei Jahre gedauert, bis sie gespürt hat, dass sie sich wieder für etwas begeistern konnte, dass sie wieder leben wollte, und glücklich sein.

Inzwischen hat sie einen neuen Partner gefunden und ist Mutter eines Sohns. Aber ganz richtig, so sagt sie das, wird es wohl nie wieder werden. „Das ist wie eine Amputation. Die bleibt.“ Bis heute trifft sie sich jedes Jahr an Carstens Geburts- und Todestag mit seiner Mutter. Beiden tut es gut, wenn sie sich gemeinsam an ihn erinnern können. Julian Barnes fasst das so zusammen: „Wenn jemand tot ist, dann heißt das zwar, dass er nicht mehr am Leben ist, aber es heißt nicht, dass es ihn nicht mehr gibt.“

* Alle Namen geändert.

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