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Liebling für Kinder. Prinz, der Bernhardiner, war ein Bergrettungshund und sehr gutmütig. Geduldig ließ er sich streicheln.

Zurück in die Ferien der Kindheit Schuhplattlern in Tirol

Wollt ihr das wirklich?“, fragten die Eltern meinen Bruder und mich, wenn es an die Urlaubsplanung ging: „Vier Wochen ohne Eis, ohne Pommes, ohne Fernsehen?“ Für uns war das keine Frage. Klar wollten wir wieder zur Waldrast fahren. Das bedeutete schließlich: Vier Wochen Staudämme bauen und Hütten, stundenlang lesen im Wald, auf Berge klettern, Heidelbeeren sammeln.

Die mehr als eineinhalb Stunden Fußweg vom nächsten Ort entfernte Klosterpension „Maria Waldrast“ befand sich hoch und einsam in den Tiroler Bergen. Für uns bedeutete sie Freiheit und Abenteuer.

Am Bahnhof von Matrei am Brenner, dem nächstgelegenen Dorf, wartet schon Helmut „Helle“ Müller in seinem Taxi. Mit dem Klatsch von vor 50 Jahren kennt er sich aus. Rasch versinken wir in ein Gespräch über Tante Anni, Prinz, den Bernhardiner, die Zenzi, Pater Benno. Statt der steilen Schotterpiste gibt es jetzt einen Asphaltweg hinauf. Nach 20 Minuten taucht hinter einer Biegung das Kloster auf – eingerahmt von Wolken.

Es gibt Eis! Und TV!

Es ist, als wäre ich nie weg gewesen. Rechts erhebt sich majestätisch die Serles mit 2719 Metern, gegenüber schweigt still der Blaser, links grünt das Waldraster Jöchl. Der Anblick ist geradezu unheimlich vertraut.

Nur: Wo sind die anderen Kinder? Und wo die Erwachsenen? Die müssten doch jetzt eigentlich Almdudler mit Rotwein trinken und über Gott und die Welt diskutieren.

Als ich die Gaststube betrete, ist nur der Oberkellner dort. Sofort sticht mir eine Eistruhe ins Auge. Vorbei an der Telefonzelle, von der wir so oft die Oma angerufen haben, geht es zu einem – Lift. Wow! Der ist neu. Im Zimmer gibt es sogar eine Nasszelle. Und TV.

Mit dem aktuellen Klatsch hat sich Helmut Müller zurückgehalten, hatte sich beschränkt auf den Satz, den ich in der Folge häufiger höre: „Da droben wird sich jetzt manches ändern.“

Mein Smartphone meldet „Kein Netz“. Es ist unglaublich still. Tief schmiegen sich schneeweiße Wolken in die Täler. In mir erwacht eine lang vergessene Lust auf „Mensch ärgere dich nicht“. Glücklicherweise bin ich verabredet zum Abendbrot. Josef Rapp kannte ich schon damals, wenn auch nur flüchtig. Seine Familie betrieb den Spar-Laden in Matrei, einen Zufluchtsort für sehr gelegentliche Einkäufe.

Schuhplattlern vor Publikum

Auch Hannes von Stadler ist dabei. Er führt das Traditionshotel Krone im Ort, das sich seit über 570 Jahren im Besitz seiner Familie befindet. Dort fanden damals die „Tiroler Abende“ statt, bei denen es Treueabzeichen gab. Natürlich auch für uns. „Da haben die Geehrten immer mit den Schuhplattlern tanzen müssen“, erinnert sich Josef Rapp mit Schalk in den Augen. Die einheimischen Kinder fanden das also lustig. Für mich war es aufregend, zum ersten Mal tanzen und dann noch vor Publikum.

Überrascht erfahre ich, dass auch die Kinder des Ortes gern Staudämme gebaut haben. Der Sepp, wie ihn alle nennen, musste aber schon früh als Teenager im Laden der Familie aushelfen.

Wir essen „Kloster Tris“, Spinatknödel, Kasnocken und Schlutzkrapfen in Butter-Parmesan-Sauce. Warum wir nicht nach Süden gefahren sind damals, fragen die beiden neugierig. Darauf hatten wir schlicht keine Lust! Ich erfahre, dass der Gasthof schwierige Zeiten hinter sich hat. Pläne, dort ein Gourmetrestaurant zu errichten, haben sich zerschlagen.

Hummer auf der Waldrast? Wann habe ich denn zuletzt etwas so Dummes gehört! Seit Mai hat eine Betreibergesellschaft die Pension gepachtet, „um Maria Waldrast zu retten“. Die Trennung zwischen weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten soll dabei helfen.

Foto: Tirol Werbung / Aichner Bernhard

Ruhe für Gestresste. Im Klostersummen keine Tablets und Handys.

Foto: Tirol Werbung / Aichner Bernhard

Ruhe für Gestresste. Im Klostersummen keine Tablets und Handys.

Meine einsame Bank ist immer noch da!

Pater Peters Reich besteht aus Klosterkirche und dem Andenkenlädchen, das auch damals schon zum Gebäudekomplex gehörte. In Letzterem hat sich das Angebot kaum verändert. Wie früher gibt es Rosenkränze, Milka-Tafeln und Manner-Schnitten. Die Devotionalien waren für die Tagesgäste, wir Kinder hielten uns an die Süßigkeiten.

Ich schaue noch kurz nach, ob jemand im Bach einen Staudamm gebaut hat. Meine alte Hütte existiert leider nicht mehr. Die einsame Bank, auf der ich so viele Bücher verschlungen habe, steht aber noch da. Vorsichtig streiche ich über das nasse Holz. Fast 50 Jahre!

Am Morgen regnet es weiterhin Bindfäden. Geschäftsführer Max Zitzler schließt mir die Tür zur „Bibliothek“ auf. Eigentlich handelt es sich dabei um das alte Refektorium, in dem mein Bruder immer auf dem Klavier geübt hat, und in dem mein Vater damals seine mitgebrachte Arbeit ausbreitete.

Das Regal mit den Büchern stand früher im Lädchen. Aber das Sortiment hat sich nicht geändert. Ich angele einen leider kitschigen Roman hervor, der auf der Serles spielt. Den habe ich als Kind hier gelesen.

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Rutsche für Erwachsene. Hütehunde gibt es auf „Maria Waldrast“ nicht mehr, dafür finden Wanderer, wie unsere Autorin, anderweitig Abwechslung.

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Rutsche für Erwachsene. Hütehunde gibt es auf „Maria Waldrast“ nicht mehr, dafür finden Wanderer, wie unsere Autorin, anderweitig Abwechslung.

Raus in den Regen. Den Querfeldein-Weg aufs Jöchl rauf schaffe ich nicht mehr vollständig. Zu steil, zu wurzelig, zu rutschig für die Städterin. Auf einem etwas breiteren Zickzackweg gelange ich immerhin bis zur Kapelle unter dem Gipfel, wo sich der Legende nach die Muttergottes 1407 von Hirtenkindern einen Wallfahrtsort gewünscht hat.

Zurück auf der Waldrast sehe ich aus Richtung Stubaital im Nebel ein buntes Bähnchen auftauchen. Die Serles-Bahn gibt es seit drei Jahren. Sie bringt von der Bergstation Leute hierher, die nicht gut wandern können, aber trotzdem das heilende Klosterwasser trinken wollen. Das ist erst in späteren Jahren entdeckt worden. Es ist rechtsdrehend, verdirbt also nicht und ist deshalb auch sehr beliebt als Proviant für Wüstentouren.

Auf zur Ochsenalm. Ein schöner Höhenweg führt bis zu dem Punkt, wo es rauf zum Blaser geht, dem blumenreichsten Berg Tirols, auf dem wir einst Enzian gefunden haben und sogar Edelweiß. In der Hütte auf dem Gipfel gab es nach dem Aufstieg kühle Zitronenlimonade. Kein Jahrgangschampagner hat mir in meinen späteren Jahren je besser geschmeckt.

Am Wegesrand entdecke ich das alte Gipfelkreuz der Serles. Das haben, wie ich von Pater Peter weiß, die tüchtigen Jungbauern runtergeholt, nachdem einige Male der Blitz eingeschlagen ist. Nun steht es majestätisch am Rande des Pfades, der heute „Schöpfungsweg“ heißt.

Die Backerbsensuppe schmeckt nach Sonntag

Schon von weitem höre ich die Glocken der Kühe, die mit den Wildpferden auf der Ochsenalm grasen. Glücklicherweise wenden sich die Tiere gelangweilt ab. Die Alm ist inzwischen neu gebaut, es gibt eine gemütliche Kneipe, in der es schon mal bis vier Uhr morgens rundgeht. Die Backerbsensuppe schmeckt nach den Sonntagen der frühen Jahre.

Inzwischen ist „Maria Waldrast“ auch im Winter ein beliebtes Ziel. Besonders die Zahl der Schneeschuh-Wanderer habe sehr zugenommen, erzählt Pater Peter später im kühlen hinteren Teil der Klosterkirche. Schön sei das, weil man querfeldein hochgehen könne und nicht im Schnee versinke. Früher hat man die tellergroßen Schneeschuhe selbst gebaut. Heute kann man sie kaufen oder mieten.

Die Schotterstraße, über die sich unser Automatikwagen immer so mühsam hochgequält hat, ist inzwischen eine überaus beliebte Rodelbahn. Manche Leute sind allerdings aus Sicht der Einheimischen zu unvernünftig, setzen sich einfach auf den Schlitten und rasen los, statt erst mal zu fragen, wie man sicher rodelt.

An diesem Tag wird es noch mal aufregend hier oben auf der Waldrast. Einmal im Monat ist am Freitag eine „Nachtwallfahrt“, das heißt um 20 Uhr wird eine Messe gelesen. Kurz vor Beginn gibt es in der Kirche, die normalerweise 200 Leute fasst, kaum noch Stehplätze. Hinterher wird es in der Gaststube richtig voll. Endlich wird wieder Rotwein getrunken, Frittatensuppe gelöffelt wie früher.

Wer nicht verheiratet war, musste getrennt schlafen

Morgens erzähle ich dem Geschäftsführer, wie früher die Gästekinder ausgeholfen haben, nicht nur in der Gaststube, auch beim Heueinbringen. Das liebten wir. Max Zitzler guckt resigniert. Viele neue Vorschriften haben sein Geschäft nicht einfacher gemacht. Anderes ist für einen weltlichen Chef weniger kompliziert.

Wenn früher Wanderer kamen, die nicht nachweisen konnten, dass sie verheiratet waren, brachte der Pater Prior sie in getrennten Zimmern unter und verheimlichte dem jeweils anderen, wo. Handys gab es ja noch nicht. Die ganze erotische Dimension dieser Praxis ist mir erst später aufgegangen.

Max Zitzler will das Seminargeschäft wiederbeleben. Früher haben in der Klosterpension Banker getagt, auch Universitätsleute kamen gern. Er hofft auf Busgruppen. Der gebürtige Kärntner ist gelernter Koch. Man merkt ihm an, dass er Respekt vor der Aufgabe hat.

Kein Handyempfang - ideal für gestresste Manager

Aus Sicht der Städterin sollte dieser Solitär in den Bergen ein Muss-Ziel sein für Veranstalter von Klausurtagungen aller Art, für Einzelreisende, die mal gründlich abschalten wollen.

Kein Handyempfang! Auf luxuriösen Kreuzfahrtschiffen gilt das doch als obercool. Beispielsweise für Manager, die das ganz einfache Leben ausprobieren wollen, ist es perfekt.

Die Klosterküche verwendet zudem Produkte aus der eigenen Landwirtschaft, ist also garantiert bio. Abwechslung gäbe es unten in Matrei in der Krone, wo Hannes von Stadler Fleischgerichte vom grauen Weideochsen serviert. Tiroler Abende finden dort freilich kaum noch statt. Die Menschen sind nicht mehr so treu, stattdessen scharf auf gesunde Ernährung.

Vielleicht würde ein Freundeskreis, wie es ihn in der Stadt für Museen gibt, Maria Waldrast helfen. Alteingesessene wie Josef Rapp, der als Geschäftsführer eines internationalen Unternehmens erfolgreich war, und Hannes von Stadler mit seiner Hotelerfahrung könnten sicher kluge Ideen generieren und vor allem die unsichtbare Linie zwischen Kirche und Welt ausradieren, die der neue Pachtvertrag geschaffen haben muss.

Bestimmt ist für heutige Kinder die Ansage „Kein Netz“ im Smartphone schlimmer als es für uns damals der (bei Rapps gelegentlich unterbrochene) Eis-Entzug war. Aber die Glasfaserkabel, die bald kommen sollen, könnten das entschärfen. Und die Speisekarte präsentiert heute drei Kinder-Gerichte – alle mit Pommes Frites.

Während ein klitzekleines blaues Loch in der Wolkendecke erscheint, erinnere ich mich an jenen Julitag im Jahr 1969. Die Stammgäste waren ins Zimmer des Priors geladen, eine unerhörte Ausnahme. Plötzlich gab es doch einen Fernseher und eine Nachrichtensendung, die es rechtfertigte, dass wir dort oben zusammen saßen.

Zum ersten Mal betraten Menschen den Mond.

Foto: Christina Isser

Das Kloster Maria Waldrast von innen.

Foto: Christina Isser

Das Kloster Maria Waldrast von innen.

HINKOMMEN

Mit dem ICE bis München und dann weiter mit dem EC nach Innsbruck. Matrei ist eine S-Bahnstation entfernt. (59,00 bis 159,90 Euro) Von da weiter zu Fuß (zwei Stunden) oder mit Taxi Müller +436644300692 (22 bis 25 Euro). Mit dem Auto über die mautpflichtige Brennerautobahn A 13 oder die Brennerstraße B 182.

UNTERKOMMEN
Klostergasthof Maria Waldrast, Doppelzimmer ab 105 Euro.

mariawaldrast.at

INFO
Tourismusverband Wipptal, wipptal.at

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