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Zugpferde der Markthändler: Hundekarren mit Kartoffeln und Früchten, um 1911.

Geschichte der Hundehaltung in Berlin Vom Königshof zum Hinterhof

Christoph Stollowsky

"Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Paletot"

Berliner Kinderreim, um 1870 (paletot, aus frz. = Pelzjacke)

Meyers Konversationslexikon verkündete 1895 rundheraus, er führe ein Schmarotzerleben. Tierforscher Alfred Edmund Brehm bezeichnete ihn 1864 als »abscheuliches Geschöpf«.Und immer wieder wurde er als eine gelungene Mischung zwischen Ochsenfrosch und Löwe beschrieben, irgendwo mit einem Marzipanschwein in der Ahnenreihe. Besonders Aristokratinnen wie die Großmutter Friedrichs des Großen, Sophie Charlotte, beschäftigten sich schon früh mit dem kleinsten Verwandten der Dogge, nachdem er um 1680 aus China nach Europa gekommen war. Aber sie sah ihn noch als recht »garstig« an, was ihre Tochter Sophie Dorothea, die Mutter des Alten Fritz, nicht davon abhielt, sich später in Schloß Monbijou in der Mitte Berlins an den mopsfidelen Tierchen und ihrem Posthornringelschwanz zu erfreuen. Das war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Mops - ein Modehund im alten Berlin.

Der wilde Jäger brauste mit seiner Meute über die Jungfernheide

Doch bis die Damenwelt auf den Mops gekommen war und ihm Süßigkeiten zuschob, hatten Hund und Mensch schon einen langen gemeinsamen Weg zurückgelegt. Immerhin begleiten uns die wedelnden Vierbeiner schon seit rund 20.000 Jahren, die Katze kam erst vor 7000 Jahren hinzu. Bei den Germanen war der Hund zwar kein heiliges Tier, aber er genoss hohes Ansehen, weil er die Geister und Götter erkannte und lauthals verbellte.

In Märchen und Sagen bewachen Hunde Schätze mit ihren feurigen Augen, doch an der Spree wurde offenbar nichts dergleichen von ihnen verlangt. Im Berliner Sagenschatz zeigt der Hund auf andere Weise, was er in seiner langen Haustierkarriere gelernt hat: Er lärmt als Helfer des Wilden Jägers über die Jungfernheide in Tegel. »Es ist ein Bellen und Brausen in der Luft, ein Giff-Gaff und Gejuche, das einem die Haare zu Berge stehen«, schilderten Hirten den Geisterzug um Mitternacht.

Die Sauhatz war im Wald rund um Berlin Jahrhunderte lang des Hundes edelste Aufgabe. Aber er hopste auch zu allen Zeiten und fast überall auf den Schoß der Damen, schon in ägyptischen Pharaonen-Palästen 1500 Jahre vor Christus und nicht minder eifrig im späten Mittelalter, als der Doktor der Arznei, Jacobus Horscht 1579 den Hund als »liebstes Tierlein des Menschen« pries.

Im Barock waren die Seidenhündchen en vogue

Dieses Tier wurde bereits damals vielfältig gezüchtet und so weit wie möglich »als Luxusspielzeug für Frauen« geschrumpft, wie ein englischer Hundeexperte um die gleiche Zeit feststellt.
"Es ist noch eine kleine Rasse Hunde unter uns«, schreibt er, »je kleiner sie sind, desto vollkommener sind sie für den Zweck, auf dem Busen, im Schlafzimmer oder auf Händen getragen zu werden.«

Im Zeitalter des Barock (bis ca. 1730) waren dies in Berlin die Seidenhündchen; der Mops mit seinen rundlichen Formen entsprach später dem beschwingten Lebensgefühl des Rokoko.

Vor der Epoche des Mopses genossen die zutraulichen Seidenhündchen, vor allem italienische Bologneser und englische Spaniels, die Gunst europäischer Fürstentöchter. Doch auch Feldmarschälle und Grandseigneurs in Pluderhosen ließen sich mit den weißen und schwarzen Zwerghunden in Öl abbilden. Friedrich der Große hängt ebenfalls in dieser Galerie: Der Berliner Hofmaler Antoine Pesne porträtierte ihn als Kind, zu seinen Füßen die Trommel, auf dem Tisch ein Spaniel wie eine Plüschpuppe. Seine 1758 gestorbene Schwester Wilhelmine Friederike Sophie ließ er später im Freundschaftstempel zu Sanssouci mit einem Bologneser im Arm in Stein hauen, obwohl der Mops schon im Trend war.

Repro: Tsp

Immer dabei am Fürstenhof: Ausschnitt eines Gemäldes aus den Kindertagen Friedrich II.

Repro: Tsp

Immer dabei am Fürstenhof: Ausschnitt eines Gemäldes aus den Kindertagen Friedrich II.

Friedrich führte die Schlesischen Kriege, baute Kanäle und machte das Oderbruch urbar, während seine Mutter in Schloß Monbijou den Mops liebkoste. Dessen Aussehen passte vermutlich recht gut zum Stil der bequem gewordenen Matrone. Sein eigenwilliger Charakter stürzte sie allerdings oft in helle Aufregung. Denn im Grunde ist der Mops ja gar nicht so, wie ihn Wilhelm Busch und andere Zeichner immer wieder dargestellt haben: ein mit Zuckerzeug gemästetes, träges Dickerchen. Das haben die Damen in ihren Boudoirs aus ihm gemacht. Seine Kugelaugen sind eine Tarnung.

Tatsächlich mopst er sich, was er will und läuft auch gerne auf Freierspfoten in die Stadt hinaus: Am 23. Januar 1736 ist Sophie Dorothea ein solcher Liebling abhanden gekommen, und im Sommer des folgenden Jahres wiederholte sich das Malheur. Glücklicherweise war es damals üblich, den Hundchen kleine Schellen an den Hals zu binden, weshalb bald mitgeteilt wurde, daß »der vom Kgl. Schloß verloren gewesene Mobs-Hund sich angefunden hat«. Gewiß rubbelte die glückliche Königin danach das Fell ihrer kleinen Leidenschaft mit einem Seidentuch und verlieh ihm wiederden mopstypischen Glanz.

Der "Kleine Schuft" aus der Mauerstraße ging 1805 auf Trebe

Walter Stengel, von 1922 bis 1955 Direktor des Märkischen Museums in Berlin, hat solche Verlustmeldungen des 18.und frühen 19. Jahrhunderts gesammelt und herausgefunden, daß die aschegrauen Wesen mit den schwarzen Köpfen auch im Großbürgertum neben anderen Schmuserassen bis 1860 en vogue waren. 1805 folgt einer ausgerissenen läufigen Möpsin Minette aus der Schützenstraße ein Rassegenosse aus der Mauerstraße, der nicht zu Unrecht Fripon, zu deutsch: kleiner Schuft, genannt wird. Doch beide kehren zurück, ebenso wie ein auf Abwege geratener Mungo aus dem Hause Unter den Linden 56, der allerdings wenig später erneut "auf Trebe« geht (herumstreunt). Und am 8. Oktober 1812 bittet ein Knabe in rührenden Worten, ihm seinen Oglu, einen blaß gelben Mops, zurückzubringen.

Schon Ende des 18. Jahrhunderts liefen die Spitze und Pudel allerdings dem Mops den Rang ab, der Spitz kam ab 1780 dank des Klassizismus in Mode, strengere Konturen waren gefragt. Und ihm gelang ein bemerkenswerter Karrieresprung: Vermutlich von den Wikingern aus Skandinavien mitgebracht, wurde er im späten Mittelalter noch geringschätzig "Mistbella« genannt, weil er "auf jedes Bäuerleins Mist wachsam bellend« stand. Doch am 4. Dezember 1794 fahndet gar ein "Geheimer Secretair Mainler« in Berlin nach seinem Spitz und auch jener des Grafen von Arnim ist zwei Tage später verschwunden. Im Frühjahr 1805 standen dann sechs weiße und zwei schwarze Pudel auf der Berliner Vermisstenliste. Den Findern wurde eine "gute Recompense« versprochen.

"Diesen Hund möchte man wohl den Scharwenzel nennen, indem derselbe so gelehrig ist, dass er fast alles nachmacht und annimmt«, rühmte den Pudel schon 1754 das Buch "Jägerpraktika«. Und Meyers Lexikon kam 141 Jahre später ebenfalls ins Schwärmen. Einen merkwürdigen Orts- und Zeitsinn und vortreffliche Schwimmbegeisterung bescheinigte es ihm. Geistig leiste er "das Bedeutendste, was ein Tier zu leisten vermag«. Deshalb war der Wollhund mit den Mandelaugen als pudelnasser Helfer bei der Wasserjagd im Grunewald ebenso begehrt wie als pudelnärrischer Clown auf Märkten und bei Kaffeekränzchen.

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Wolliger Klassiker: Der Pudel als Artist oder Mephisto im "Faust"

Repro: Tsp

Wolliger Klassiker: Der Pudel als Artist oder Mephisto im "Faust"

»Das also war des Pudels Kern«, ruft Doktor Faustus im 1806 vollendeten, ersten Teil von Johann Wolfgang Goethes Tragödie aus. »Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus« - verwandelt sich der schwarze Pudel, der ihm auf den Fersen ins Studierzimmer folgt, doch in Mephisto. Ein traditionelles Bild. Pudel nehmen in Volksmärchen wegen ihres fast unheimlichen Einfühlungsvermögens häufig des Teufels Gestalt an. Der Philosoph Arthur Schopenhauer, von 1820 bis 1831 Privatdozent in Berlin, sah die Sache aber just andersherum: Er liebte Hunde, besonders Pudel, bei denen er sich »von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke des Menschen« erholte. Täglich ging er mit seinem gelehrigen Pudel Butz spazieren. Der lief sogar alleine mit einem Körbchen zum Bäcker.

Der Hofschmied machte zwei Ohrringe "vor ein klein Hundgen"

Oft waren die Schmusetiere solcher angesehenen Herrschaften edel ausgestattet. Und vielfach machten sie »Sitz!« zum Porträt. Da gab das Königshaus seit langem den guten Ton an. 1720 fertigte der Hofgoldschmied Johann Christian Lieberkühn »vor ein klein Hundgen 2 paar Ohrringe«, und ein Spaniel in Monbijou hatte große Stoffrosetten an den Ohren, wie sie die modischen Damen trugen. Auch die Halsbänder waren prächtig, 1751 erhielt ein »Hundgen« im Auftrag der Königsfamilie ein »blümorantes « Band aus Samt mit Borten und massiven Beschlägen, denn ihre Initialen ließen die Frauchen und Herrchen aus Messing, Silber oder Gold auf Samt und Leder befestigen. Das lockte allerdings Diebe an, weshalb dem 1737 entlaufenen gelben Mops der Königin Sophie Dorothea bei seiner Rückkehr am grünsamtenen Halsband die silbernen Buchstaben fehlten. Als ihr Sohn Friedrich drei Jahre später die Regierungsgeschäfte übernahm, hingen in den Salons der Königsmutter schon zahlreiche Hundebilder. Ende August 1721 ließ sie einen kleinen Hund nach dem Leben für »1 Thaler 16 gr.« porträtieren, 1724 finden sich in ihren Belegen weitere Rechnungen eines Künstlers, der gleich »drei Hunde gemahlet« hat, 1743 wird in Monbijou der Maler C. L. Wiedemann für »5 Copieen von einem Mops so auf ein Sammten Küssen Ruhet« bezahlt.

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Großkaufmann Daum, gemalt von Antoine Pesne um 1735.

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Großkaufmann Daum, gemalt von Antoine Pesne um 1735.

Um jene Zeit saß auch der Großkaufmann Gottfried Adolf Daum mit Mops und Kind Modell. Andere Hundefreunde der Friderizianischen Epoche ließen ihre dahingeschiedenen Vierbeiner zur Erinnerung ausstopfen oder besorgten sich zumindest einen Porzellanmops aus Meißen. Solche Figuren gab es im 18. Jahrhundert in reicher Auswahl.

Friedrich der Große allerdings vertauschte die fipsigen Spielgefährten seiner Kindheit bald mit italienischen Windspielen, den kleinsten Verwandten des Greyhounds, der als schnellster Hund gilt und schon in den Grabkammern ägyptischer Pharaone abgebildet wurde. Vermutlich hat der König als Kronprinz in Rheinsberg mit den sensiblen Läufern Freundschaft geschlossen, die immerhin eine Schulterhöhe von 38 Zentimetern erreichen. Tändelnd seien sie ihrem Herrn auf den Fuß gefolgt, schreibt der Berliner Hofbildhauer und spätere Akademiedirektor Johann Gottfried Schadow. Überall in den königlichen Gemächern lagen Lederbälle zur Beschäftigung der Hunde herum und vermutlich hat Friedrich sie selbst oft tief in die Schlossparks geworfen. Doch bevor die Tiere nach Sanssouci und ins Schloss Charlottenburg kamen, hatten sie eine wochenlange Reise aus ihrer Heimat hinter sich: 378 Thaler kostete der Transport eines Tieres, gefüttert wurde es auf dem beschwerlichen Weg über die Alpen mit Fleisch und Zuckerbrot. Danach lag der Favorit des Königs, wie ein Kammerdiener berichtet, stets in der Nähe seines Herrn auf einem Stuhle von blauem Atlas, eingerahmt in Kissen von karmesinrotem Taft und schlief nachts im Bett des Königs.

Für die anderen rehbraunen, weißen oder cremefarbenen Hunde des Monarchen war ein Kanapee reserviert. Hatten sie Langeweile, so durften aristokratische Vierfüßler auch mal ein Daunenpolster zerfetzen und wurde ein Tier krank, so beschaffte der Hof die beste verfügbare Medizin. Zum Beispiel für Thisbe, Friedrichs erklärten Liebling. Sie erhielt gegen Würmer und Darmprobleme tropisches "JaluppenHartz", Leinöl und Seife. Aber meist half das nicht viel. Beigesetzt wurden die Windspiele auf dem Hundefriedhof bei Sanssouci. Jeder mit Grabstein und heftig betrauert. Als die Hündin Alkmene 1775 starb, weilte der König in Schlesien. Also wurde befohlen, den Sarg in die Bibliothek zu stellen und Friedrichs Rückkehr zu erwarten. Sofort nach seiner Ankunft habe der Herrscher den Sarg aufgerissen, den toten Hund in seine Arme genommen und mit Küssen überhäuft, erzählte später der Kammerdiener.

Exzentrische Tierliebe, während sich die Streuner draußen in Potsdam und Berlin um Fleischerreste balgten. Erstmals wurden damals auch Karrenköter vor schwere Leiterwagen gespannt, und ihre hängende Zunge machte klar: Es gab Hunde zweier Klassen. Jene,die zum Vergnügen ihrer Herrschaften umherschwänzeln und Arbeitshunde.

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"Bummler und Arbeiter": Ölgemälde von Heinrich Sperling

Repro: Tsp

"Bummler und Arbeiter": Ölgemälde von Heinrich Sperling

Diesen Gegensatz hat der Berliner Tiermaler Heinrich Sperling (1844-1924) mehr als hundert Jahre später beispielhaft dargestellt, war die Klassengesellschaft unter Hunden doch im Grunde gleichgeblieben. "Bummler und Arbeiter« heißt sein Ölgemälde.Ein Windspiel und ein Mops betrachten zwei müde Ziehhunde vor einem Lumpenkarren. Gehören sie einem Aristokraten, Geheimrat oder Bäckermeister? Es läßt sich nicht sagen, denn solche Gespielen hielt sich seit Friedrichs Zeiten jeder Hundefreund, der es sich leisten konnte. Auch im Bürgertum wurden sie verzogen. Beispielsweise im Haushalt des Berliner Akademieprofessors und Hofmalers Franz Krüger, bekannt durch seine Kavallerie-Bilder, die ihm den Spitznamen "Pferde-Krüger" einbrachten. Windhunde passten zu dieser Leidenschaft. Am Heiligen Abend 1837 verwandelten sie im Krügerschen Salon die stille in eine recht laute Nacht: "Onkel K. öffnete die Flügeltüren und alle Hunde stürzten mit fürchterlichem Gebell in die Stube«, schilderte ein junger Gast das Fest. Viel langsamer und zögernder folgte der edlere Theil der Gesellschaft."

Dagegen waren die Ziehhunde ein Sinnbild preußischer Disziplin. Große Hunde wurden vor allem im 19. Jahrhundert in ganz Deutschland vor die Wagen von Markthändlern, Fleischern, Scherenschleifern, Lumpensammlern oder Milchverkäufern gespannt, in Berlin und Brandenburg nutzte man ihre Kräfte besonders gerne.

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Treues Gespann. Illustration Mitte des 19. Jahrhunderts.

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Treues Gespann. Illustration Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die Reichshauptstadt galt als Zentrum der Zughundehaltung, was heute weitgehend vergessen ist. Jedes Kind kennt Huskys oder Grönlandhunde vor Schlittengespannen, doch im 18. und 19. Jahrhundert gibt es auch viele Beispiele für Hundegefährte auf Rädern. Eine Tradition mit antiken Wurzeln: So zeigt eine griechische Vasenmalerei einen Knaben auf einem zweirädrigen Hundekarren. Und der römische Geschichtsschreiber Älius Lampridius erzählt vom Hunde-Vierspänner des Kaisers Heliogabalus (Herrschaftszeit 218-222 n. Chr.), mit dem dieser auf seinen Landgütern herumkutschierte. Zur Kräftigung habe er die Tiere mit kostbarer Gänseleber gefüttert.

Hunde legten sich vor Kinderkutschen oder Marktwagen ins Geschirr

Solche Berichte sind allerdings selten. Erst in der friderizianischen Zeit legen sich Hunde vor Spielkarren und Kaleschen reicher Kinder ins Zeug; man spannt große Pudel, Spitze, Mischlinge oder Jagdrassen an, der Nachwuchs sitzt auf und ruft Hü und Ho, als wär's eine Pony-Chaise. Ist ihre Last nicht allzu groß und die Behandlung gut, stürmen die bellenden Kraftpakete sogar schwanzwedelnd los, denn ein wohlerzogener Hund ist gerne gehorsam und eifrig bei der Sache. Handwerker, Händler und Bauern machen sich das nun bald zunutze, indem sie den Hund verstärkt als Zugpferd des armen Mannes einsetzten.

Straßenszene am Brandenburger Tor um 1810. Über die elegante Charlottenburger Chaussee spazieren Bürger im Sonntagsstaat. Die Damen unterm Sonnenschirm, die Herren mit Zylinder und Gehrock. Da erscheint inmitten der Biedermeier-Gesellschaft eine eher ärmlich gekleidete Arbeiterfrau, hält sichtlich erschöpft eine schwer beladene Schubkarre in den Händen, aber sie kann nur auf die Hilfe eines Hundes rechnen. Der hat ein Geschirr um und zieht mit hoch erhobener Rute an zwei Seilen, die an Verstrebungen auf beiden Seiten des Rades befestigt sind. Der Maler Johann Daniel Laurenz hat dieses Bild ca. 1810 gezeichnet. So wurden damals Kohlköpfe, Holzscheite, Äpfel, Hühnerkäfige oder Sandkisten zum Bestreuen der Dielen befördert.

War der Karren leer, konnte der Kutscher aufsitzen

Natürlich gab es auch komfortablere Hundegefährte. Vierräderige Leiterwagen und Verkaufsstände, deren langes Deichselholz von Menschen gehalten wurde. Sie gingen vorneweg und lenkten, während sich zwei bis vier Hunde gleich dahinter unter der Deichsel ins Geschirr legten. Andere Gespanne wurden dirigiert wie Pferde, mit Ruck an der Leine oder Kommandos, denn gelehrige Hunde können auf Zuruf rechts und links unterscheiden. Meist ging der Kutscher nebenher oder schob ein wenig mit, und war der Wagen leer, konnte er aufsitzen, ohne die Hunde zu überlasten. Immerhin ziehen kräftige Rassen problemlos ihr doppeltes Eigengewicht, wie das Veterinär-Anatomische Institut der Universität Berlin in einer Untersuchung über die Zugleistung von Hunden im Jahre 1941 herausfand. Reichlich verspätet, denn zu dieser Zeit gab es kaum noch Hundekarren.

Die Fleischerhunde verteidigten "ihre" Ware gegen die Streuner

Am stärksten verbreitet waren sie in den Jahren der Industrialisierung, als Berlins Bevölkerung rapide wuchs und günstige Transportmittel benötigte. Der Hund fraß notfalls auch Abfälle, ließ sich rasch anspannen, war willig und als Arbeitstier von der Hundesteuer weitgehend befreit. Außerdem bewachten die Karrenhunde Hab und Gut, während sich ihre Besitzer um die Kundschaft kümmerten oder im Gasthof pausierte. Das forderte vor allem die Hunde der Fleischer heraus, meist kräftige Rottweiler. Sie mußten »ihre« Ware gegen allerlei hungrige Streuner verteidigen.

Doch auch in den Elendsquartieren am Berliner Stadtrand waren Karrenhunde damals im Einsatz. 1872 schildert die Zeitschrift »Über Land und Meer« solche Notunterkünfte der Arbeiterschaft und illustriert den Bericht mit einem Bild, das an Slums im heutigen Südamerika erinnert. Bretterbuden werden gezimmert, ein Hund vor dem Karren schleppt Holz heran. Andere Artgenossen trotteten unterdessen mit Milchkannen vom Land in die Stadt, denn für Kühe war kein Platz im neuen Berlin der Mietskasernen. Vereinzelt wurden sie noch auf Hinterhöfen gehalten, aber Frischmilch bringen nun jahrzehntelang die sprichwörtlichen Milchmädchen mit ihren Ziehhunden herbei. Mühsam bahnt sich ein solches Gespann auf einem Bild des Künstlers Robert Geißler von 1857 seinen Weg durchs Verkehrsgewühl. Acht Kannen schleppen die junge Frau und ihr vierbeiniger Gehilfe zwischen Pferdeomnibus und Passanten zum Markt. Und manchmal ist der Hund Komplize. Dann mußte er gut achtgeben, während seine Herrin die frische Sahne an der Pumpe heimlich verlängert.

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Sahne! Sahne! Auch vor die Wagen der Milchmädchen waren damals Hunde gespannt.

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Sahne! Sahne! Auch vor die Wagen der Milchmädchen waren damals Hunde gespannt.

Auch Heinrich Zille hat zu Anfang dieses Jahrhunderts solche Berliner Hundetransporter mit Stift und Kamera festgehalten. Schnappschuss von 1910: Zwei Lumpensammler auf einer Chaussee irgendwo am Stadtrand an einem sonnigen Tag. Ihr Bollerwagen ist voll gestopft mit Bündeln, halb geschoben, halb gezogen. Hinten ein schwitzender Junge, vorne der große Schäferhund mit baumelnder Zunge. Da ergeht es dem wuscheligen Ziehhund einer Blumenfrau besser, als ihn Zille justament zeichnet. Er darf verschnaufen, während Frauchen "Blu-humenerde" ausruft und die Leute mit ihrem Werbeslogan lockt: "Ohne Mühen - kein Erblühen".

Der Hund - Gefährte bei Jagd, Arbeit und Spiel. Das waren seine Rollen in den vergangenen Jahrhunderten. Mit keiner anderen Kreatur verbindet den Menschen eine derart innige Gemeinschaft. "Sind wir beide müd und matt, wurden wir doch immer satt", heißt es in einem Kinderreim aus der Kaiserzeit zum Bild eines Hundekarrens. Herr und Hund "thun gemeinsam ihr Tagwerk", sie ziehen den aufgeladenen Trinkwassertank.

Das mag idealisiert sein, schließlich gab es genügend Tierschinder, aber es veranschaulicht die außergewöhnliche Verbundenheit zwischen Mensch und Hund. Wer eine solche Beziehung allerdings nie erlebte und keinen Sinn dafür hat, sieht den Hund aus einer anderen Warte. Vielleicht sind dies Gründe für das merkwürdig gespaltene Verhältnis der Menschen zu jenem geliebten, beschimpften oder verachteten Tier - gestern wie heute.

Schauplatz Mittelalter. Ein gemeiner Bauernhund galt in den Augen des Adels im Gegensatz zum standesgemäßen Jagdhund als unehrenhaft. Wurde ein Missetäter an den Füßen aufgehängt, konnte man die Schändlichkeit seiner Strafe noch erhöhen, indem zwei Hunde ebenfalls kopfüber an den gleichen Galgen kamen. Sie symbolisierten hündische Unterwürfigkeit. Bei Landfriedensbruch war es in manchen deutschen Gegenden üblich, dem Verurteilten einen Hund aufzubinden: Er musste ihn zur Strafe von einem Gau in einen anderen tragen.

Später, in friderizianischer Zeit, wurden Hunde nicht mehr zur Strafverschärfung missbraucht, aber es regte sich heftiger Unwille gegen ihre wachsende Zahl in den Straßen. Bürger klagten über laute Bellerei und streunende Rudel. Als lästig wurden vor allem die vielen Schlächterhunde empfunden. Sie trieben Vieh in die Stadt und bewachten es auf dem Markt. Doch auch vornehmere Hunde gefielen nicht jedermann. So klagte der Berliner Buchhändler und Schriftsteller Friedrich Nicolai im Jahre 1781 über die "alberne und schädliche Gewohnheit vornehmer und reicher Leute, mit großen Kötern aus purer Nachahmungssucht spazieren zu gehen". In London habe das noch Sinn wegen der vielen Straßenräubereien. Doch warum in Berlin oder Wien?

Gegen die Tollwut sollte sogar ein Hundebordell helfen

Auch die Obrigkeit wurde nervös. Aber die Stadtväter fühlten sich weniger von kläffenden Vagabunden gestört, über die man an jeder Ecke stolperte. Aus ihrer Sicht verschärfte die Hundeplage die Gefahr der Hundswuth. "Rasend und töricht" macht diese unheimliche Krankheit die Tiere. Tollwut heißt sie damals noch nicht, erst seit 1810 taucht der Name in den Wörterbüchern auf. Auslöser ist ein Virus, es schädigt das Zentralnervensystem. Der französische Tierpathologe Victor Galtier und sein Landsmann Louis Pasteur haben das im späten 19. Jahrhundert nachgewiesen. Zuvor war man hilflos im Kampf gegen die Seuche. Ein Wörterbuch der "Thierheilkunde" des Jahres 1828 gestand die ganze Ohnmacht ein: "Diese fürchterliche Krankheit, deren bloßer Name Schrecken einflößt, und über welche so viel geschrieben, aber doch wenig Genügendes bekannt ist."

Vielerlei wurde als Ursache verdächtigt. Vergiftetes Wasser, fauliges Futter, schlechte Dünste, sogar ein unbefriedigter Geschlechtstrieb, weshalb man im Rathaus zeitweise die Einrichtung eines Hundebordells erwog. Eingeflößter Mangoldsaft galt als Rezeptur gegen die Seuche, oder ein heißes Eisen auf der Stirn. Selbst Schriften aus der Antike wurden zu Hilfe genommen, beispielsweise Texte des römischen Naturschriftstellers Gajus Plinius (23/24 bis 79 n. Chr.), der empfahl, man solle den Hunden im Alter von 40 Tagen das Rückenmark zwischen Kreuzbein und Schwanz herausreißen.

Die "Tollwurmschneider" walteten seit 1767 ihres Amtes

Dann würden sie nicht töricht. Eine vergleichsweise harmlose Operation gegen die Tollwut nahmen so genannte "Tollwurmschneider" in Berlin seit dem 20. Februar 1767 vor: An diesem Tag erging ein merkwürdiger Erlaß. Jedem Hund, hieß es, müsse der "Tollwurm" herausgeschnitten werden. So bezeichnete man einen spindeiförmigen, aus Binde- und Fettgewebe bestehenden kleinen Lappen am Boden der Zungenspitze.

Nach einer abergläubischen Vorstellung verursachte er die Seuche. Die Polizei bestellte Wurmschneider, wer ihre Dienste missachtete, musste 50 Thaler Strafe zahlen. Bis zum Tode Friedrichs des Großen blieb die Verfügung in Kraft, doch auch zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurde noch vielen jungen Hunden der Wurm entfernt.

Den Behörden reichte dies allerdings nicht aus. Sie wollten die wachsende Hundeschar unter Kontrolle haben. Die Gefahr einer Ansteckung war zwar noch unbekannt, aber man ging zu Recht davon aus, dass streunende Hunde eher der Seuche anheimfallen und den Menschen gefährden. So findet sich im Geheimen Preußischen Staatsarchiv eine Hunde-Bekanntmachung bereits vom 12. Juni 1727, nach der "kein Einwanderer seinen Hund auf der Straße frei laufen lassen darf". Wenn sie nachts losgebunden wurden, sollten sich die Tiere nur in geschlossenen Höfen und Gärten aufhalten. Ruhestörendes Bellen wollte man auf diese Weise vermeiden und ihre Vermehrungslust behindern. Offenbar brachten die vielen Kolonisten, die Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der Soldatenkönig, aus Frankreich, Sachsen oder Böhmen ins Land geholt hatte, eine Menge Hunde mit.

Mit "barbarischer Grausamkeit" schlugen die Schärgen zu

Solche Bekanntmachungen wurden in den folgenden Jahren ständig wiederholt. Sie erinnern an den heutigen Leinenzwang in öffentlichen Anlagen - und blieben ähnlich wirkungslos. Drastische Maßnahmen wurden deshalb erwogen. Sollte man die überflüssigen Hunde totschießen lassen? Das erschien den Ratsherren zu gefährlich angesichts enger Gassen und zweifelhafter Treffsicherheit. So einigten sie sich aufs Totschlagen. "Mit barbarischer Grausamkeit" walteten die Schergen des Scharfrichters ihres Amtes, empörte sich noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts ein wohlhabender Berliner Hundebesitzer. Offenbar drohte auch den Hunden der besseren Gesellschaft der Knüppel, falls sie ohne Blechmarke am Hals auf Trebe gingen.

1807 wird in den Vermisstenanzeigen ein solches gelbes "Hundstagszeichen" am seidenen Bande eines Mopses erwähnt. Das entsprach der seit mehr als einem halben Jahrhundert gültigen Hundeordnung. Sie sollte "das Publikum vor etwaigem Schaden durch bissige, herrenlose Hunde schützen". Die Gehilfen des Scharfrichtereibesitzers, Schinder genannt, gingen von Zeit zu Zeit durch die Straßen und riefen öffentlich den Verkauf von Blechmarken aus. Jeder Hundebesitzer musste sie am Halsband seines Lieblings befestigen, wollte er nicht Gefahr laufen, dass sein Hund gefangen und getötet wurde. Am sichersten sei es wohl, den Hund ständig an der Leine zu führen, machte sich der Berliner Maler und Radierer Daniel Chodowiecki über die Polizeiverordnung lustig und veröffentlichte 1799 eine entsprechende Karikatur. Sie zeigt elegant gekleidete Damen und Herren mit ihren brav angebundenen Vierbeinern. Titel: "Berlinische Folgsamkeit".

repro: Tsp/Wikipedia

"Berlinische Folgsamkeit": Karikatur von Daniel Chodowiecki.

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"Berlinische Folgsamkeit": Karikatur von Daniel Chodowiecki.

Eine gutes Vorbild vor allem für die "Hundstage" im Juli und August, wenn die Sonne in der Nähe des Hundssterns Sirius steht. In dieser Zeit gingen die Schinder besonders eifrig auf Jagd, denn man vermutete, große Sommerhitze fördere die "Hundswuth". Totschlagen durften sie ihre Beute allerdings nur in den Morgenstunden bis 8 Uhr früh. Diese Arbeit galt als unehrenhaft, deshalb durfte sie kein ehrbarer Handwerkerstand wie die Fleischer oder Gerber ausüben. Gleichwohl ließ sich einiges Geld damit verdienen, denn Felle und Fett der geschlachteten Tiere waren im 18. Jahrhundert begehrt. Hundshäute wurden zu feinen Handschuhen verarbeitet, eigneten sich als Oberleder für modische Stiefel und tauchten sogar auf Karnevalsbällen auf, waren die Masken der Damen doch mit Hundeleder unterfüttert. Das hatte kosmetische Gründe. Angeblich verlieh es der Trägerin eine lebhafte Gesichtsfarbe. Hundsfett wiederum galt schon in der Antike als unfehlbares Heilmittel gegen Schwindsucht und andere Gebrechen. Verkauft wurde es auch an Mühlenbesitzer, die ihre hölzernen Getriebe damit schmierten.

Die Schinder waren also durchaus motiviert, doch auch sie konnten die Hundebegeisterung im biedermeierlichen Berlin nicht bremsen. So gerieten Hundefreunde und -gegner schon damals heftig aneinander. Pamphlete gegen den Hund wurden veröffentlicht, sie gleichen heutigen Leserbriefen in Berliner Tageszeitungen. Eine solche bissige Kriegserklärung stand am 11. Juli 1828 im "Berliner Courier". "Es wäre wahrhaft an der Zeit, etwas zur Verminderung der Hunde zu tun", schreibt der Kritiker des Blattes. "Es grenzt ans unglaubliche, welche Masse Hunde in Zimmern und Straßen herumlaufen und die Leute anfallen ... Wenn in jedem Jahr nur ein Mensch unglücklich wird durch den Biß eines tollen Hundes, so ist das hinreichendes Motiv, alle Hunde der Welt todt zu schlagen. Hat aber jemand eine Liebhaberei, wie es denn viele Herren gibt, die ihre Menschen wie die Hunde, und die Hunde wie die Menschen behandeln, so sollte ein jeder wenigstens 20 Taler jährliche Taxe bezahlen, dafür, daß er auf die Gefahr seiner Mitmenschen Hunde hält. Die Damen, die ihre Stubenmädchen maltraitieren und ihre Hündchen in Seide legen, sollten jährlich dafür 100 Taler bezahlen. So würde sich diese Plage der Menschheit nach und nach vermindern".

Mit der Hundesteuer wurden seit 1830 die Gehsteige finanziert

Knapp zwei Jahre später, am 20. April 1830, wurde in Berlin die Hundesteuer eingeführt. Dabei spielten auch frühere Überlegungen eine Rolle, den Armen das Halten von Hunden generell zu verbieten. Das würde sie nicht allzu sehr treffen, meinten die Befürworter. Angehörige dieser Schicht hätten ja ohnehin keinen Besitz, den Hunde schützen müssten. Doch soweit kam es nie. Statt dessen sollte die neue Steuer die unteren Volksklassen finanziell unter Druck setzen und zum freiwilligen Verzicht auf ihre überflüssigen Tiere bewegen. Derart teuer wie vom "Berliner Courier" gefordert, war die tierische Leidenschaft allerdings nicht. Ein Hund kostete jährlich drei Taler.

Mehrere Seiten füllte das "Reglement über die Einführung einer Hundesteuer in Berlin" im Berliner Intelligenzblatt. Auch zur Verhinderung der "Hundswuth", welche "furchtbare Folgen" habe, werde sie eingeführt, hieß es.
Das hatte gute Gründe: Allein im Jahr 1827 ereigneten sich nach einer amtlichen Statistik 28 Unglücksfälle "durch den Biß toller Hunde" und 45 wutkranke Hunde wurden im folgenden Jahr in die Tierarzneischule eingeliefert. Insgesamt waren damals etwa 6000 Hunde in Berlin registriert. Diese Statistik mussten die Hauswirte halbjährlich aktualisieren, indem sie die Hunde ihrer Mieter in Listen eintrugen. Jedes angemeldete Tier bekam eine Blechmarke mit Jahreszahl und Steuernummer, Farbe und Gestalt wechselten jährlich, um Betrug zu verhindern. Hunde ohne Marke wurden aufgegriffen und nach drei Tagen getötet.

Steuerhinterzieher mussten den dreifachen Betrag an die Armenkasse entrichten, hatten sie kein Geld, so steckte man sie ins Gefängnis und nahm ihnen den Hund weg. Steuerfrei waren nur

Schächtermeister, Viehtreiber und andere Hundehalter, die ihre Tiere zur Bewachung und Arbeit brauchten.

Repro. Tsp

Volles Chaos - nur einer schläft. Schuhmacherfamilie mit Hund, Stich von Theodor Hosemann.

Repro. Tsp

Volles Chaos - nur einer schläft. Schuhmacherfamilie mit Hund, Stich von Theodor Hosemann.

Tatsächlich verringerte sich die Zahl der Hunde in den folgenden fünf Jahren auf 3300, doch bald ging es wieder bergauf: 1850 wurden in Berlin knapp 10.000 Tiere gezählt. Damit wuchs die Schar der Hunde noch schneller als die Bevölkerung, die sich von 1810 bis 1850 mehr als verdoppelte. Die Liebhaberei hatte den Sieg davongetragen - und den Hausbesitzern kam das zugute, denn seit 1834 wurden die Einnahmen der Hundesteuer zweckgebunden zur Befestigung der Bürgersteige verwendet. Das war auch dringend nötig.

Wie desolat die Straßen damals aussahen, schildert Gustav Langenscheidt in seinem 1878 erschienener Spaziergang durch das alte Berlin. "So breit und schön die Straßen auch dem ersten Anblicke nach sind, so weiß doch der Fußgänger zuweilen nicht, wie er sich vor schnell fahrenden Wagen, vor Koth und Goßen hüten soll", schreibt der Begründer des weltberühmten Langenscheidt-Verlages. "In der Mitte der Straße ist es bei schlechter Witterung außerordentlich kothig und in dem Steinpflaster selbst gibt es unzählige Löcher." 1824 verhielt sich die Weinstube und spätere Sektkellerei "Lutter & Wegner" am Gendarmenmarkt wegweisend, indem sie ihren Gehsteig befestigte; 1828 verpflichtete eine Kabinettsorder die Hauseigentümer der frequentiertesten Straßen zu solchem Tun, aber viele hatten kein Geld für Granitsteine. So wurden die Hunde ihre Wohltäter, denn künftig konnten sie Zuschüsse aus dem Hundesteuer-Topf beantragen, die eine städtische Deputation verteilte.

Hunde waren zu teuer - die Ärmsten mussten ihre Tiere ersäufen

Anderen entlockte die neue Steuer "manchen Seufzer", wie Johann Friedrich Cottas im "Morgenblatt für gebildete Stände" berichtete. Die Ärmsten der Armen sähen keine andere Wahl, als ihre Lieblinge zu ersäufen oder an Menagerien zu verkaufen. Der Berliner Romantiker Adelbert von Chamisso verfaßte sogar unter dem Eindruck des Vormärz eine sozialkritische Ballade über den Bettler und seinen Hund:

"Drei Thaler erlegen für meinen Hund! So schlage das Wetter mich gleich in den Grund! Was denken die Herren von der Polizei? Was soll nun wieder die Schinderei? Ich bin ein alter, ein kranker Mann, Der keinen Groschen verdienen kann; Ich habe nicht Geld, ich habe nicht Brod, Ich lebe ja nur von Hunger und Noth .... Es geht zur Neige mit uns Zwein; Es muß, mein Thier, geschieden sein!

Du bist, wie ich, nun alt und krank; Ich soll Dich ersäufen, das ist der Dank! Das ist der Strick, das ist der Stein, Das ist das Wasser, es muß ja sein, Komm her, Du Köter, und sieh mich nicht an, Noch nur ein Fußstoß, so ist es gethan! Wie er in die Schlinge den Hals ihn gesteckt, Hat wedelnd der Hund die Hand ihm geleckt; Da zog er die Schling sogleich zurück Und warf sie schnell um sein eigen Genick.

Und that einen Fluch, gar schauderhaft, Und raffte zusammen die letzte Kraft. Und stürzt in die Fluth sich, die tönend stieg, Im Kreise sich zog und über ihm schwieg ...."

Diese rührselige Geschichte erregte viel Aufsehen. Sie macht deutlich, wie heftig die neue Steuer manche ärmeren Zeitgenossen erregte.

Es war der Beginn einer Protestbewegung unter Hundefreunden, die bis heute gegen den Fiskus aufbegehrt. Schon in der Märzrevolution gab es demokratische Schelte. Es gehe hier nicht um die Hunde einer bestimmten Rasse, sondern um die einer bestimmten Klasse. Und in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts demonstrierten verzweifelte Hundehalter vor dem damaligen Tierhort in der Schicklerstraße in Mitte gegen eine drastische Erhöhung der Hundesteuer, die sie zwang, sich von ihren Tieren zu trennen.

lnfolge der Inflation schnellten die Hundekosten damals extrem hoch, entsprechend sank die Steuermoral. 1922 verlangte der Staat für einen einzelnen Hund jährlich 300 Mark, für den zweiten 450 Mark und für Luxustiere wie Chinesische Palasthunde oder Seidenpinscher gar 1000 Mark. Im Dritten Reich sank die Steuer dann wieder auf 60 Mark, und in der Nachkriegszeit war ihr Satz ebenfalls für die meisten Menschen erschwinglich. Gleichwohl organisierten Tierschützer in den fünfziger Jahren Patenschaften für finanzschwache Hundefreunde oder ermutigten sie, ihren Liebling schwarz zu halten.

Seit 1863 mussten alle Hunde einen Maulkorb tragen - aber kaum jemand hielt sich dran . . .

Schauen wir zurück ins Jahr 1863. Am 2. Juli ergeht eine verschärfte Polizeiverordnung, nach der "jeder Hund, welcher auf öffentlicher Straße oder an Orten, wo das Publikum sich aufhält, verkehrt oder zu verkehren pflegt, mit einem regelrechten Maulkorb versehen sein muß". Wird er ohne diesen angetroffen, fangen ihn die Scharfrichterei-Gehilfen "im Interesse der allgemeinen Sicherheit und Steuerkontrolle" ebenso weg wie einen Streuner, der ohne Steuermarke herumläuft. Dabei haben sie allerdings ähnliche Probleme wie unsere heutigen Amtspersonen beim Gerangel um Häufchen oder den Leinenzwang im Park. Die Anordnung klingt wie ein Machtwort, doch wie man sie durchsetzen soll, bleibt ungeklärt.

. . . und die Obrigkeit konnte sich nicht durchsetzen.

"Die Beschäftigung dieser Knechte ist bei der bekannten Rohheit des Berliner Publikums nicht die angenehmste, sie ist vielmehr mit fortdauernden wörtlichen und selbst thätlichen Angriffen verbunden ", faßt eine Zeitung erste Erfahrungen zusammen. Jeder Hundehalter könne den Fängern sein Tier wieder ungestraft wegnehmen, weil sie nur als Privatpersonen auftreten. Und er werde dies auch tun, da "er in dem Publikum einen stets bereiten Beistand

findet". Selbst hohe Gerichte hätten Hundeeigentümer schon ungestraft ausgehen lassen, die sich widersetzten, schreibt das Blatt.

Deshalb müsse die Berliner Hundepolizei amtliche Rechte wie ein Beamter erhalten. Und zwar unverzüglich. Begründung: "Nach den in Berlin herrschenden Verhältnissen hält ein großer Theil unserer Hundebesitzer eine Besteuerung für überflüssig." Noch entbehrlicher erschien den Hundefreunden allerdings der verordnete Maulkorb beim Gassi gehen. Er wurde ignoriert und als Schildbürgerstreich verspottet. Oder man lieferte sich Spiegelgefechte, ob die armen Tiere nun zu bedauern seien oder nicht.

In einer humoristischen Schriftensammlung aus dem Jahre 1871 ist gar vom "Allgemeinen Hundejammer über die Einführung der Maulkörbe" die Rede. Andere sprachen vom "genialen Berliner Maulkorb" und priesen dessen Vorzüge, wie Robert Springer in seinem 1868 erschienenen Buch "Berlin wird Weltstadt". "Alle Hunde in Berlin müssen zwar einen Maulkorb tragen, aber dieser bewahrt uns Menschen weniger vor den Bissen, als er die Hunde selber, wenn sie uns angreifen, wie ein Visier oder eine Fechtkappe vor gefährlichen Schlägen auf die Nase schützt."

Im steinernen Berlin wurde die Großstadt-Töle vom 6. Hinterhof geboren

Die Stadt wuchs in diesen Jahren so stürmisch wie nie zuvor. Im steinernen Berlin sollten möglichst viele Menschen auf wenig Platz unterkommen, beispielsweise in "Meyers Hof" in der Weddinger Ackerstraße, wo in 300 Kleinwohnungen mehr als 1000 Menschen lebten. Das war die Geburtsstunde der Großstadt-Töle vom sechsten Hinterhof. Keine Top-Figur, aber originell - gelungene Kiezmischung. Betrachten wir eine Zeichnung aus Heinrich Zilles Bilderbogen: "Zweites Quergebäude, Kellerwohnung". Vielleicht haben die Hof-Hundchen ja am liebsten in einer solchen Wohnküche unterm Vogelbauer geschlafen oder wedelnd hinaufgeschaut, als wollten sie den kleinen Sänger befreien - voller Mitgefühl wie der barfüßige Steppke auf dem Bild. "Armer Vogel", sagt er, "kriegst keene Sonne uff unsern dustern Hof! Un wenn mir ooch Vata uffn Abend verhaut - ick laß dir raus - flieg ins Vogelland!"

Repro: Tsp, entnommen dem Buch "Jack - Album für einen großartigen Hund", erschienen im Verlag "Friedenauer Brücke" 2014/15

Suchbild: Arbeiterkinder im Berliner Hinterhof, 1910. Wo ist der Hund, ein Jack Russell Terrier?

Repro: Tsp, entnommen dem Buch "Jack - Album für einen großartigen Hund", erschienen im Verlag "Friedenauer Brücke" 2014/15

Suchbild: Arbeiterkinder im Berliner Hinterhof, 1910. Wo ist der Hund, ein Jack Russell Terrier?

Da hatten es die Tölen besser. Sie wetzten kläffend hinter den Kindern über Höfe und Straßen, das war für sie wichtiger als ein letztes bisschen Grün. Und ihre zweibeinigen Spielgefährten verloren dank der Hunde nicht gänzlich die Nähe zur Natur. Sie wurden ohnehin schon von Pädagogen bedauert. "Kaum kann man es noch eine Kindheit nennen. Die Wagen und Klingelzeichen der elektrischen Straßenbahnen spielen eine größere Rolle in ihrem Leben und in ihrer Phantasie als etwa das Leben unserer Hausthiere." Es gab zwar noch die Karrenköter, aber der Stadthund war auch für die breite Bevölkerung schon längst kein Haustier mehr wie Kuh und Schwein oder seine wachsamen Artgenossen auf dem Lande. Er zog als Freizeitkumpel in die Villen und Mietskasernen ein, zahlreicher denn je. Und er fühlte sich hier wohl, war nur seine Herrschaft zusammen. So veränderte sich das Verhältnis zwischen Städter und Hund. Es entwickelte sich eine empfindsame Beziehung, um so inniger, je stärker Berlin wuchs.

"Vater bestellt die Weißen oder Braunen, Onkel sitzt verquer auf der Bank und betrachtet verliebt sein Glässchen und Großmutter gibt dem Hündchen."So schildert Hans Ostwald in seiner "Kultur- und Sittengeschichte Berlins" 1910 das Treiben in den Ausflugslokalen. Sonntags zog das Volk nach Schöneberg, Pankow, zum Rummel auf die Hasenheide oder zur Försterei Finkenkrug hinter Spandau. "Ein alter Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen" verkündeten Schilder am Wirtshausgarten. Und natürlich sind die Tölen mittenmang.

Repro: Tsp

Kaffeeklatsch auf dem Windmühlenberg - im 19. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel. Heute ist dort die Saarbrücker Straße in Prenzlauer Berg. Bild von Theodor Hosemann um 1860.

Repro: Tsp

Kaffeeklatsch auf dem Windmühlenberg - im 19. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel. Heute ist dort die Saarbrücker Straße in Prenzlauer Berg. Bild von Theodor Hosemann um 1860.

Das zeigen die Ansichten aus dem Berliner Kleinbürgertum des Illustrators Theodor Hosemann (1807-1875): Kaffeeklatsch mit Schnauzer auf dem Windmühlenberg, Laubenidyll mit Pinscher. Eine Galerie der Gemütlichkeit, vervollständigt von Künstlern wie Hans Baluschek oder Heinrich Zille. 1909 malt Baluschek einen Laternenumzug beim Sommerfest in der Laubenkolonie, ein großer Königspudel hockt am Rande. Und Pinselheinrich zeigt humorvoll die Welt des Großstadthundes. Berlin ohne Hunde? Da fehlten ihm die Spaßmacher. Im Kaffeegarten schlecken schleifchengeschmückte Dackel am abgestürzten Babyfläschchen, im Weddinger Hinterhof setzen Kinder ihrer Promenadenmischung die Kaspermützchen auf, ein Terrier-Zwerg flitzt vor dem Kinderwagen "ins Jrüne", als würden später die Würstchen für ihn gegrillt.

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Raus ins Jrüne mit kind und Töle, beobachtet von Heinrich Zille

Repro: Tsp

Raus ins Jrüne mit kind und Töle, beobachtet von Heinrich Zille

Mancher Stadthund fand sein Bäumchen auch hoch über Berlin, denn Gärten auf dem Dach waren schon in der Gründerzeit in Mode. Wohlhabende Bürger legten sich solche Oasen auf ihren prächtigen Mietshäusern an und amüsierten sich hier mit Kind und Kegel. Das Buch »Berliner Pflaster. Illustrierte Schilderungen aus dem Berliner Leben« schwärmt 1891 für diese schwebenden Gärten: »Wie angenehm sitzt man hier oben, umflogen von den Schwalben und von reiner Luft umfächelt, falls man nicht gerade durch einen ungünstigen Luftzug vom Qualm eines benachbarten Schornsteins umhüllt wird. Ist man früh aufzustehen gewohnt, so tauscht man auf den Zinnen seines Daches stehend, Grüße aus mit den Schornsteinfegern, welche ums Morgenroth aus den Essen auftauchen und jauchzend ihre Besen schwingen." Und vielleicht hat ja der Stadthund dabei gelärmt wie ein Hahn auf dem Mist.

Auch Architekten kamen damals vergnüglich auf den Hund. Beispielsweise Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852-1932). Er lehnte die preußisch-strenge Backstein-Architektur vieler Lehranstalten ab, die wie Kasernen aussahen, und entwarf statt dessen um die Jahrhundertwende Schulen mit freundlichem Gesicht - vor allem in der Arbeitervorstadt Friedrichshain. Viel Licht, breite Flure und verspielte Fassaden setzte er in seinen Reformbauten an der Rigaer Straße, Hausburg- oder Straßmannstraße durch. Ihr Markenzeichen: Tier- und Kinderskulpturen schmücken Portale und Mauern wie Lebkuchen das Hexenhaus. Sie sind bis heute erhalten und schauen auf den Betrachter mit wilhelminischem Lächeln herab. Wer genau hinschaut, entdeckt einige junge Hundchen, wie sie Hoffmann offenbar mochte. Denn auch am Märchenbrunnen im nahen Friedrichshain, den er ebenfalls entwarf, schauen Welpen über den Rand großer Steinschalen im Hintergrund der Anlage.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hundchen schauen aus den Schalen am Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain.

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Hundchen schauen aus den Schalen am Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain.

Die ersten Hundevereine wurden in Berlin gegründet, 1899 der "Verein für Deutsche Spitze", im gleichen Jahr lud die "Gesellschaft für Hundefreunde" zu einer großen Hundeausstellung ins Restaurant "Linder" an der Berliner Straße in Pankow ein. Bilanz: Rund 10.000 Besucher, 640 vorgeführte Tiere. Systematischer denn je betrieben die neuen Vereine nun Rassezucht und auch in der Wissenschaft nahm man den treuen Begleiter des Menschen ernster als zuvor: Kynologie - die Lehre vom Hund - umfaßt Entstehungs- und Rassegeschichte sowie Verhaltensforschung. Die Gefühlswärme einer neuen Hundeliebe und die intensivere Beschäftigung mit dem erstaunlich anpassungsfähigen Hausfreund brachten auch den Tierschutz voran. In Berlin war diese Bewegung ohnehin stärker als in anderen deutschen Gegenden, schon 1841 hatte der Gründer des Tierschutzvereines, Schulvorsteher Dr. phil. C. J. Gerlach, angesichts eines mißhandelten Pferdes und entrüsteter Bürger festgestellt, »daß doch sehr viel Tierliebe im Volk vorhanden sei«.

1841 wurde der erste Tierschutzverein gegründet

Auch das Herrscherhaus zeigte sich den Tieren gegenüber äußerst aufgeschlossen. So wurde die erste Berliner Tierschutzorganisation, der »Verein gegen Tierquälerei «, am 6. Oktober des gleichen Jahres ins Leben gerufen und von höchster Stelle unterstützt. Ab 1872 nennt er sich »Deutscher Tierschutzverein zu Berlin« und 1938 erhält er den seither gültigen Namen: »Tierschutzverein für Berlin und Umgebung Corporation«. Es ist der älteste bis heute existierende Tierschutzverein Deutschlands.

Am 17. April 1851 wird der so genannte »Tierschutzparagraph« in das Preußische Strafgesetzbuch aufgenommen. Tierquälerei ist jetzt ein vom Staat geahndetes Vergehen. Doch die Hoffnungen der Tierschützer erfüllen sich nicht, weil die angedrohten Strafen gering sind. Außerdem werden die Tiere weniger um ihrer selbst willen geschützt, es sollte vor allem den Menschen der Anblick der Quälerei erspart bleiben. Diese Einstellung hatte Tradition. Noch im 17. Jahrhundert sah der französische Philosoph Rene Descartes (1596-1650) die Tiere als Maschinen an, die wie Automaten funktionierten. Ein ethisch motivierter Schutzgedanke aus Achtung vor dem Tier war selbst zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch schwer zu verbreiten. Die ersten Tierschützer wollten in dieser Situation ihre Ziele durch Gesetze und Strafen durchsetzen, aber das war ein Fehler. Sie verstanden es nicht, den Schutz der Tiere volkstümlich zu machen. Dieser Durchbruch gelang erst in den siebziger Jahren. Ein erster Erfolg war die Polizeiverfügung vom 25. Februar 1875. Danach mussten die Schutzleute jedem Vertreter des Tierschutzvereines beistehen, wenn er auf der Straße gegen Quälerei einschritt.

Es gab extra Verkehrsregeln für Hundekarren

Am liebsten hätten die Tierschützer auch das "Unwesen der Karrenhunde" gestoppt, aber das gelang ihnen niemals so recht, erst der Erfolg des Motors brachte den Hund als Zugtier endgültig ins Abseits. Die letzten Gespanne waren in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts auf dem märkischen Land unterwegs. Schon von 1860 an hatte es Reglementierungen für Hundekutscher gegeben, deren mehrspännige Karren selbst Pferdedroschken überholen konnten und durch wildes Gekläffe manchmal unangenehm auffielen. Deshalb durften ihre Führer nicht aufsitzen und mussten anderen Verkehrsteilnehmern die Vorfahrt lassen. Es ging also um den Schutz der Öffentlichkeit.

Repro: Tsp

Hunde-Chaos in Berlin. Theodor Hosemann karikierte 1846 das Straßenbild mit Karrenhunden und andere Schnauzen.

Repro: Tsp

Hunde-Chaos in Berlin. Theodor Hosemann karikierte 1846 das Straßenbild mit Karrenhunden und andere Schnauzen.

Nun aber wurde der Hund selbst zum Schutzobjekt: Er sei als Zehengänger von Natur aus nicht zum Ziehen geboren, sein Brustgerüst halte keinen Gegendruck aus, behaupteten seine Protagonisten, denen der Anblick ihres "schwer arbeitenden Lieblings" ein Greuel war. Doch zahlreiche tierärztliche Gutachten bremsten den gefühlsbetonten Feldzug. Die Veterinäre hatten allesamt keine grundlegenden Einwände. Der Hund sei von seiner Anatomie her durchaus als Zugtier geeignet, die Anstrengung halte ihn sogar gesund. Noch 1941 empfahl das Veterinär-Anatomische Institut der Universität Berlin schwer verletzten Kriegsheimkehrern, ihre Rollstühle von Deutschen Doggen ziehen zu lassen.

Immer wieder rügten die Gutachter allerdings den Einsatz zu schwacher Tiere, die überfordert würden und verlangten strengere Kontrollen. In einigen Ländern musste jeder Zughund deshalb tierärztlich genehmigt sein, auch artgerechte Geschirre waren vorgeschrieben. Schon seit 1870 gab es solche Regelungen. Doch manchen Tierschützern reichte auch das nicht aus. Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde um die Anschirrung des Hundes teilweise heftiger gestritten als um Kinderarbeit, obwohl die "Bimmelbollen", die Milchausträger der Meierei Bolle, und andere junge Lastkulis mit ihren Handwagen zum Straßenbild der Kaiserstadt Berlin gehörten wie Droschken und Pferdeomnibusse.

An der Jannowitzbrücke war das erste große Berliner Tierheim

Besonnene Kräfte im Tierschutzverein hatten um diese Zeit schon ihr wichtigstes Ziel erreicht: 1886 entstand in Britz ein erstes Berliner Tierheim, es wurde bis 1901 betrieben, doch schon neun Jahre vorher zog der Verein in die größeren Stadtbahnbögen an der Schicklerstraße 4 nahe der Jannowitzbrücke um. Auch hier gab es Stallungen für Streuner und Pensionshunde, ein neues Verwaltungshaus entstand, Vereinsmitglieder durften ihre "kleineren Haustiere zur kostenlosen Untersuchung und Raterteilung" vorbeibringen.

Dieser Tierhort wurde bis zum Zweiten Weltkrieg und während der gesamten DDR-Zeit weiter betrieben, vorrangig als Asylfür Katz und Hund. Er reichte allerdings schon zur Jahrhundertwende

nicht mehr aus, weshalb im August 1900 der Grundstein für ein "wirklich großzügiges und einwandfreies" Anwesen an der Dessauer Straße in Lankwitz gelegt wurde: Das spätere Westberliner

und nach der Wende gesamtberliner Tierheim, bevor das heutige Heim in Hohenschönhausen-Falkenberg eröffnet wurde.

Foto: Stiftung Museumsdorf / Repro Tsp

Großstadttölen – hier vor der Tram. Gemalt von Heinrich Zille.

Foto: Stiftung Museumsdorf / Repro Tsp

Großstadttölen – hier vor der Tram. Gemalt von Heinrich Zille.

In Lankwitz konnte man seinen Hund scheren und mit einem Spezialstaubsauger entlausen lassen. Auch "Bestrahlungen mit Höhensonne" und "Baden mit elektr. Trocknen" gehörten zum Service. Im Gegensatz zum Asyl in der Schicklerstraße war die neue Stätte in erster Linie eine Ferienpension für Kleintiere, sie wurde aber zunehmend als Ausweichquartier für die Stadtbahnbögen gebraucht und diente nun ebenfalls aufgegriffenen, verstoßenen oder gequälten Tieren als Zufluchtsort. Schon 1908 ratterten Tierschutz-Inspektoren des Vereins in offenen Kraftwagen durch Berlin, gingen mehr als 2000 Hinweisen auf schlechte Tierhaltung nach und nahmen einen misshandelten Hund im Notfall gleich mit. Auch den "Fiskalischen Hundefang" betrieb der Tierschutzverein, nachdem ihm der Polizeipräsident diese Aufgabe im Jahre 1888 übertragen hatte.

Damals fuhren die Nachfolger der einstigen ScharfrichterGehilfen allerdings noch mit einer Eselskutsche zur Streunerjagd. Hatten sie einen Hund in der Schlinge, mussten sie ihn sofort töten oder an die Vivisektionsanstalten verkaufen, was den Tierschützern naturgemäß gegen den Strich ging. Schon 1893 setzten sie deshalb eine Lösung in ihrem Sinne durch: Vom Besitzer nicht abgeholte Hunde wurden nach einer gewissen Zeit an Liebhaber, die ein Tier suchten, abgegeben oder öffentlich versteigert. Mehr als 50 Jahre lang gab es in Berlin nun solche Hundeversteigerungen. Sie hatten allerdings einen Nachteil: Nicht jeder, der seine Hand hob, war ein Tierfreund, Ärger gab es immer wieder mit Händlern, die ihre Schnäppchen als Versuchstiere weiterverkauften. Oft erwarben sie gleich zehn oder zwanzig Hunde bei einer Auktion. 1951 rief das Tierheim deshalb die letzte Versteigerung aus und konzentriert sich seither auf die Vermittlung seiner Schützlinge.

Das war lange Zeit eine teure Angelegenheit, weil der Senat erst einmal die Hand aufhielt. Jedes Jahr mussten ihm die Tierschützer seine Fundhunde abkaufen, zuletzt für 50.000 DM. Denn seit Kriegsende hat die Polizei, vertreten durch das Landeseinwohneramt, den Hundefang übernommen. Diese Kosten wollte die Stadt wieder eintreiben. Erst seit Januar 1991 kann der Tierschutzverein die Hunde gratis übernehmen.

Repro: Tsp

Hundesitter-Boxen in einem Berliner Kaufhaus, Mitte der 30er Jahre. Hier konnte man sein Tier abgeben, um ohne Gezerre shoppen zu gehen.

Repro: Tsp

Hundesitter-Boxen in einem Berliner Kaufhaus, Mitte der 30er Jahre. Hier konnte man sein Tier abgeben, um ohne Gezerre shoppen zu gehen.

Heute gelten Promenadenmischungen durchaus als chic und haben ihren Liebhaberkreis. Das erleichtert die Vermittlung. In den dreißiger Jahren konnte sie das Tierheim aber recht schwer unterbringen. Ihr Image war schlecht. Die Berliner wollten Rassehunde. Um die Jahrhundertwende galten Collies und Pekinesen als modisch, in der Weimarer Zeit hatten Scotchterrier und Foxterrier die Schnauze vorn. Die "Berliner Illustrierte" vom Frühjahr 1926 offenbart den kynologischen Zeitgeschmack: Ganzseitige Werbung, ein Fox kratzt am Damenstrumpf, Slogan: "Alle Mühe vergebens, Tramaxa Dauerseide".

Zwei Seiten weiter sehen wir die "elegante Besitzerin zweier chinesischer Palasthündchen" auf einem Foto. Sie wird im Fond ihrer Opellimousine zur Zwerghundeschau chauffiert.

Das waren die gefälligen Seiten des Berliner Hundelebens, die düsteren begannen zwischen Schützengräben und Minenfeldern, denn auch Hunde mussten in den Ersten und Zweiten Weltkrieg ziehen. "Die vornehmste Aufgabe des Hundes besteht zweifellos in seiner treuen Pflichterfüllung beim Aufsuchen verwundeter Krieger", schrieb der langjährige Geschäftsführer des Deutschen Tierschutzvereines, Freiherr von Hühnefeld, nach einem Besuch belgischer Schlachtfelder. Das war im Jahre 1914. Zur Ausrüstung der Suchhunde gehörte Riemenzeug mit dem Roten Kreuz, ferner Schuhe gegen Verletzungen der Pfoten sowie eine elektrische Laterne. Andere "vierbeinige Fronthelfer" transportierten Briefe oder Patronen, begleiteten Soldaten als Vorposten oder dienten als Maschinengewehr-Hunde. Wie Karrenköter legten sie sich vor den fahrbaren MG's ins Zeug, die kleinen Fahrzeuge mit Kugellager und Luftreifen waren extra für den Hundebetrieb gefertigt. Tausende größere Gebrauchshunde wurden für solche Einsätze wochenlang ausgebildet, nachdem sie das Militär requiriert hatte. Man musterte sie regelrecht und zog sie ein. Ihre Besitzer mussten sie dem Vaterland überlassen. Ähnlich verfuhr die Wehrmacht zu Beginn des Zweiten Weltkrieges.

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Militäreinsatz: Hunde ziehen ein Geschütz im Ersten Weltkrieg.

Repro: Tsp

Militäreinsatz: Hunde ziehen ein Geschütz im Ersten Weltkrieg.

Zitat aus einem solchen Musterungsbefehl: "Auf Grund des § 15 des Wehrleistungsgesetzes vom 1. 9. 1939 werden Sie hiermit aufgefordert, den in Ihrem Besitz befindlichen Hund (auch Kleinhund) persönlich oder durch eine erwachsene Person vorzuführen. Der Einberufungsbefehl über den gemusterten Hund geht im Bedarfsfall dem Halter zu". Wie ernsthaft dieses Schreiben gemeint war, bezeugt das Reichstierschutzblatt des Jahres 1937. Die neueste Erfindung der Wehrmacht wird darin vorgestellt: Ein Gasmaskenanzug für große Hunde.

Repro: Tsp

Gasmasken für Hunde. 1937 wurde diese Erfindung im Reichstierschutzblatt vorgestellt.

Repro: Tsp

Gasmasken für Hunde. 1937 wurde diese Erfindung im Reichstierschutzblatt vorgestellt.

Ein Jahr später trampelten SA-Männer während der Reichspogromnacht in einem jüdischen Geschäft in Schmargendorf auf jungen Dackeln herum. "Meine Tochter wollte einen noch lebenden retten", erinnerte sich nach dem Krieg ein Nachbar, "aber das durfte sie nicht. Mit der Erklärung, dass es sich um jüdische Hunde handele, wurde auch der letzte mit einem Tritt ins Jenseits befördert."

Blättern wir bei unserem Streifzug durch die Berliner Hundegeschichte nun ein wenig in Zeitungen der Nachkriegsjahre.


12. März 1947, strenger Winter: "In diesem Winter mußten sich viele Berliner von ihrem vierbeinigen Gefährten trennen, nachdem sie mit ihnen die letzten erfrorenen Kartoffeln geteilt hatten", beginnt ein Bericht im Tagesspiegel über Geschäfte mit Hunden. "Gewissenlose Händler" kauften die Tiere auf, sortierten sie in rasserein und gemixt und boten die wertvollen Hunde alliierten Soldaten zu Phantasiepreisen an. Promenadenmischungen kamen in den Kochtopf. So erging es auch vielen Welpen ... "Sie kommen in Kohlekästen zur Welt und tauchen später auf dem Fleischmarkt auf", heißt es im Artikel. "Der Hund hat gut geschmeckt, nur war er zu mager", habe jüngst ein Witzbold an einen Baum unter eine Suchanzeige geschrieben, in der ein entlaufener Dackel vermißt wurde.

Streuner waren Wertobjekte, Hundekeulen kosteten damals auf dem Schwarzmarkt bis zu 100 Mark. Kein Wunder, daß manche Händler und Hungernde die herrenlosen Vierbeiner eifrig fingen. Berlins Tierasyle waren um diese Zeit recht leer. Der Tierschutzverein konterte mit einem besonderen Angebot für bedürftige Rentner und Familien: Sie konnten ihre Tiere kostenlos abgeben und hatten die Sicherheit, daß sie in gute Hände vermittelt wurden. Die Stadt unterstützte diese Aktion, da unkontrolliertes Hundefleisch die Gesundheit gefährdet. Rechtlich konnten Veterinäre und Tierschützer nicht einschreiten, weil es keinerlei wirksame gesetzliche Handhaben gab. Nach den gültigen Schlacht- und Fleischbeschaugesetzen musste man die Tiere nur betäuben, bevor sie getötet wurden und das Fleisch untersuchen lassen. Erst seit 1986 ist der Hund gesetzlich vom Tisch.

In diesem Jahr beschloss der Bundestag einen ähnlichen Schutz, wie er in Indien für heilige Kühe gilt. Hunde dürfen in Deutschland nicht mehr geschlachtet werden. Damit war eine jahrtausendealte Gewohnheit gebrochen, denn Menschen aßen Hunde seit Urzeiten, wie antike und mittelalterliche Ausgrabungen beweisen und fanden an ihrem Geschmack offenbar Gefallen

24. Juni 1948, Blockade Westberlins: "Tausende wertvolle Rassehunde sind dem Verhungern preisgegeben", schreibt die Presse. Grund: Der im Osten gelegene Zentralviehhof und Händlerin Brandenburg dürfen kein Futter in den Westen liefern. Sogar den Blindenhunden wird ihre wöchentliche Ration von 4 Kilogramm Abfallfleisch gestrichen. Dennoch schnellt die Gesamtzahl der Hunde um ein Viertel auf 60.000 im Jahr 1949 hoch. Der Korrespondent der "Stuttgarter Nachrichten" erklärt das so: "Der Berliner ist schon immer fürs Überflüssige gewesen. Er fuhr Taxi aus Daffke und kaufte sich eher ein Grammophon als einen Wintermantel. Der blockierte Berliner ist erst recht dafür. Mancher kauft sich jetzt einen Seelentrost für die langen Abende in der stromlos-dunklen Stube. Der Seelentrost hat vier Beine und macht wau, wau. Manchmal heißt er Alte Töle, aber das ist durchaus zärtlich gemeint ...Berlin, die Stadt der Zeitungen, der Laubenkolonisten und der internationalen Hochspannung ist auf dem besten Weg, auch die Stadt der Hunde zu werden ... Wohnt man im amerikanischen Sektor, muß es ein stabiler, brauner Boxer sein. Im englischen regiert der possierliche Dackel, im französischen der schwarze Zwergpudel. Die russischen Herren bevorzugen große deutsche Schäferhunde."

2. Dezember 1950, Besetzung des Tierheims: Große Aufregung im Tierheim Lankwitz. Trotz des Protestes des Tierschutzvereines hat eine Amtsveterinärin etliche Hunde, von denen nur zwei tollwütig waren, getötet. Amtliche Tierfänger hatten sie ins Heim gebracht, weil sie ohne Maulkorb und Steuermarke umherstreunten. Das war in diesen Tagen für Hunde lebensgefährlich, denn Berlin galt als tollwutgefährdetes Gebiet und dies bedeutete: Alle Hunde durften nach dem Tierseuchengesetz von 1909 nur mit Leine und Maulkorb auf die Straße hinaus. Jedes freilaufende Tier galt als tollwutverdächtig und musste sofort getötet werden. Diese drakonischen Bestimmungen hatten einen durchaus ernsten Hintergrund, war die Seuche doch nach dem Weltkrieg aus Osteuropa nach Westen gezogen. Mehr als zwanzig Menschen starben alleine im Jahr 1951 in Brandenburg. In Berlin verlor ein elf jähriger Schüler im selben Jahr sein Leben, nachdem ihn ein tollwütiger Hund angefallen hatte.

Einige Veterinärwissenschaftler wollten in dieser Situation sogar die Zahl der Hunde in Berlin durch Tötungsaktionen drastisch verringern. Aber das ging den Behörden zu weit, sie fürchteten "heftige Proteste in der Bevölkerung". Kompromisslos ließ das Landesgesundheitsamt allerdings die gefangenen Streuner einschläfern. Schon um acht Uhr früh stand die beauftragte Ärztin im Dezember 1950 mit drei Polizisten vor dem Tierheim, doch sie wartete vergeblich. Die Tierschützer ließen sie nicht eintreten. Schließlich kletterte ein Beamter über den Zaun und öffnete eine Seitentür. Noch am selben Tag wurde erwogen, "für die Tötung der Hunde eine ehemalige Markthalle in Lichterfelde-West zu pachten". Doch ein solches Ausmaß nahm die umstrittene Aktion nicht an. Tierschützer und Behörden einigen sich in zähen Verhandlungen auf eine dreitägige Gnadenfrist für Streuner: Wurden sie in dieser Zeit von ihren Besitzern abgeholt, durften sie am Leben bleiben, mussten aber drei Monate lang tierärztlich beobachtet werden.

Repro: Tsp, entnommen dem Buch "Jack - ein Album für einen großartigen Hund", erschienen im Berliner Verlag "Friedenauer Brücke", 2014/15

stollowsky

Repro: Tsp, entnommen dem Buch "Jack - ein Album für einen großartigen Hund", erschienen im Berliner Verlag "Friedenauer Brücke", 2014/15

stollowsky

Buchstäblich die Schnauze voll hatten Hund und Herr auch bald vom Leinen- und Maulkorbzwang. Kuriose Meldungen machten die Runde, der Tierhandel hatte Lieferprobleme. Es gab zu wenig Maulkörbe. Deshalb genüge es der Polizei, wenn der Hundehalter durch eine Bescheinigung des Händlers nachweisen könne, daß er einen Korb bestellt habe, teilte der Tagesspiegel mit. Schwierigkeiten gebe es für einige Schoßhundarten wie Pekinesen, "deren eigenartige Maulform in keinen der handelsüblichen Körbe hineinpaßt«. Auch Welpen von fünf Wochen dürften nur mit einem Maulkorb spazieren gehen, entschied das Amtsgericht Tiergarten. Es verurteilte eine Frau zu 25 Mark Buße, weil sie ihre Zuchthündin in Wilmersdorf mit fünf Jungen ohne Maulkörbe herumlaufen ließ.

Genervte Hundehalter forderten nun eine allgemeine Schutzimpfung ihrer Tiere gegen Tollwut. Schon Louis Pasteur hatte als Entdecker der ersten Wutschutzimpfung die vorbeugende Immunisierung aller Hunde erwogen, war aber damals vor dem ungeheuren Aufwand zurückgeschreckt. Seine Methode war kompliziert, jeder Hund hätte zwei Wochen lang jeden Tag eine Spritze mit den abgeschwächten Seuchenviren erhalten müssen. So konzentrierte sich Pasteur auf die Heilimpfung von Menschen und rettete damit im Jahre 1885 erstmals einem Jungen das Leben, den ein Schäferhund gebissen hatte. In den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts war eine solche Heilimpfung noch kaum weniger aufwendig. Berliner mit Bisswunden bekamen im Robert-Koch-Institut achtzehn Tage lang täglich eine Anti-Tollwut-Spritze. Das Serum wurde aus dem Rückenmark infizierter Kaninchen gewonnen.

Für eine vorbeugende Immunisierung von Hunden gab es zwar in den USA inzwischen einfachere Methoden, aber die Verantwortlichen in Deutschland hatten Bedenken. Das Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt am Main wurde beauftragt, die vorhandenen Impfstoffe zu untersuchen. Man traute den ausländischen Erfahrungen nicht, befürchtete Lähmungen infolge des lmpfens und ging der Frage nach, ob ein immunisierter Hund, falls er von einem tollen Tier gebissen wird und gesund bleibt, die Krankheit dennoch auf den Menschen übertragen könne. Schließlich wagte man auch in Berlin erste Impfaktionen.

26. Juli 1963, Hunbdedrama in Ruinen: Der fünf jährige Zwergdackel Pucki bleibt auf einem Ruinengrundstück an der Keithstraße in Schöneberg in den engen Gängen eines Kaninchenbaus stecken und wird von der Feuerwehr ausgegraben. Die Beamten heben zwei Stunden lang in drückender Hitze ein tiefes Loch aus, bis sie an den Hund herankommen. Solche tierischen Missgeschicke passieren in den fünfziger und sechziger Jahren häufig zwischen Kriegsruinen, die noch nicht geschleift sind. Selbst Vierbeiner rutschen auf bröckeligen Mauern ab oder geraten unter stürzende Steine. Doch Streuner ziehen sich gerne in diese Wildnis zurück. Im Mai 1968 geschieht an der Stresemannstraße ein trauriger Zwischenfall: Westberliner Grenzschützer erschießen einen Wachhund der DDR-Grenzposten. Er hatte sich vermutlich losgerissen und war aus der Ruine des ehemaligen

"Haus Vaterland" in den Westen gesprungen. Dabei verletzte er sich schwer.

12. November 1977, Grenzhunde-Geschichten: Ein Windhund beschäftigte Dienststellen in Ost und West, bis er nach wochenlangem DDR-Aufenthalt zu seiner Besitzerin in Westberlin zurückkehren darf. Die mehrfach preisgekrönte Baruschka ist einem in Richtung DDR-Grenze davon springenden Hasen nachgejagt und wird zwei Tage später in Falkensee aufgegriffen. Wie sie die Grenzsicherungen überwand, bleibt ihr Geheimnis, jedenfalls war es für die östlichen Grenzposten ein dicker Hund. Baruschkas Besitzerin inseriert in DDR-Zeitungen, kommt dem Hund auf die Spur und wendet sich nun erfolgreich an die DDR-Regierung sowie an die Bonner Vertretung in Ostberlin. Dem Finder in Falkensee schenkt sie als Dankeschön einen Windhund aus eigener Zucht.

Drei bis vier solcher Grenzgänger spurten oder schleichen bis zur Wende 1989 jedes Jahr auf rätselhaften Wegen von West nach Ost -(und umgekehrt). 1985 ereignet sich ein kleines Hundedrama an der Mauer. Ein herrenloser Cockerspaniel springt an der Kopenhagen er Straße in Reinickendorf von einer Aussichtsplattform nach Ostberlin und gerät zwischen zwei Sperrmauern. Für Westberliner Polizisten ist er unerreichbar, sie machen aber die DDR-Grenzer per Megaphon auf das Hundeunglück aufmerksam. Doch es dauert mehr als einen Tag, bis das winselnde, bellende Tier endlich geborgen und den Westbehörden übergeben wird. Dort hat sich

unterdessen eine vermeintliche Besitzerin gemeldet. Doch als ihr der Innensenator den heimgekehrten Liebling im Blitzlicht von Pressefotografen überreichen will, stellte sie plötzlich fest, dass es sich keineswegs um ihren Cocky handelt.

Vier Jahre später bewegt ein weiterer Fall Berlins Tierfreunde: Ein streunender Schnauzer-Mischling mit weißem Brustfleck wird im Dezember in Groß-Ziethen aufgegriffen. Wegen des aufwendig verchromten Stachelhalsbandes und eines Flohhalsbandes vermuten die Finder, es könne sich nur um einen Westhund handeln. Doch bevor er übergeben wird, nehmen das DDR-Außenministerium und die Berliner Innenverwaltung erst einmal Gespräche auf. Unterdessen spekuliert die Presse, der Hund habe wohl unbemerkt den Übergang für Müllfahrzeuge in Lichtenrade passiert. Ein Besitzer meldet sich nicht. Schließlich wird der verirrte Schnauzer vom Tierheim Lankwitz abgeholt. Bei der Übergabe, beobachtet ein Reporter, »"aust sein Schwanz hin und her".

23. August 1990. Wohin mit den NVA-Hunden?: Neues Zuhause gesucht für zweiundsechzig Schäferhunde, Rottweiler und Riesenschnauzer aus der Hundeschule der Nationalen Volksarmee (NVA) in Potsdam. Sie müssen ihr altes Domizil schnellstmöglich verlassen und werden vom Tierschutzverein vermittelt. Schon Anfang des Jahres wurden für rund 1.200 ehemalige "Mauerhunde" neue Liebhaber gefunden. Viele Menschen befürchten, die Tiere seien "bösartige Killer", aber das ist ein Vorurteil: Sie sollten nur abschrecken, man hatte sie nicht auf den Menschen dressiert. Eine der letzten NVA-Schäferhündinnen wird sogar populär: Sie kommt hochträchtig ins Tierheim, gebiert fünf Welpen und soll danach bei einer älteren Berlinerin in Pension gehen. Aber dann gerät in Zehlendorf eine Hündin unter ein Auto, die vier Welpen hinterlässt. Sie brauchen dringend eine Amme. Warum nicht die Mauerhündin? So kommt sie zur

Großfamilie.

Ein Berliner Hundeschicksal. Stadtgeschichte(n) mit Grenzhunden, Karrenkötern, Streunern und Schmusekugeln. Ein Weg auf vier Pfoten vom Königshof zum Hinterhof. Blättern wir noch einmal in den "lllustrierte{n) Schilderungen aus dem Berliner Leben" von 1891: "Auf der Straße wandelt ein Mann auf und nieder, aus dessen halb zugeknöpftem Rock neugierig zwei allerliebste Möpschen mit ihren schwarzen Nasen hervorgucken." Publikum war ihnen gewiss. Die Berliner hatten schon immer ein Herz für jede Schnauze.

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