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Foto: Alexander Raths - stock.adobe.co
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Außer Konkurrenz. Wer sich initiativ bewirbt, landet nicht im Stapel von Mitbewerbern.

Bewerbung Nehmen Sie mich!

Sabine Hölper

Anna Matschke* wusste schon während ihres Studiums der Wirtschaftswissenschaften, wo sie später arbeiten möchte: bei der Berliner Agentur „dan pearlman“. Sie hatte das international tätige Unternehmen bei einem Tag der offenen Tür kennen- und die offene, kreative Unternehmenskultur schätzen gelernt. Also schickte Matschke, während sie noch studierte, eine Initiativ-Bewerbung dorthin. Ein paar Tage später hatte sie den Arbeitsvertrag in der Tasche. Im September 2016 trat sie ihre Stelle im Controlling an.

Man kann warten, bis die perfekte Stellenanzeige beim Wunsch-Unternehmen auf der Webseite erscheint. Oder man bewirbt sich bei anderen Firmen, die Arbeitsplätze ausschreiben und lediglich zweite oder dritte Wahl sind. Man kann sich aber auch unaufgefordert da bewerben, wo man am liebsten arbeiten möchte. Solche „Initiativ-Bewerbungen“ sind erfolgversprechender denn je. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels suchen die Firmen gute Mitarbeiter. Da kommen Bewerber mit Potenzial gerade recht. Selbst wenn nicht unmittelbar eine geeignete Stelle frei ist – vielleicht ergibt sich in sechs oder zwölf Monaten etwas. Außerdem für Initiativ-Bewerber ein großer Vorteil: Da sie nicht auf eine konkrete Stellenanzeige reagieren, gibt es nur wenige Konkurrenten.

Jede dritte Bewerbung kommt unaufgefordert

„Die Unternehmen fangen an, sich Kandidatenpools anzulegen“, sagt Bewerbungscoach Christina Panhoff. „Sie versuchen, mit möglichst vielen potenziellen Mitarbeitern in Verbindung zu treten.“ Die Personalverantwortliche bei dan pearlman, Stefanie Ammon, bestätigt das: „Wir sind offen für Initiativ-Bewerbungen. Und wir bekommen auch recht viele.“ Rund ein Drittel aller Bewerbungen gingen unaufgefordert ein. Erscheinen sie auf den ersten Blick vielversprechend, schauen sich die Abteilungsleiter die Schreiben auch an. Ammon ruft dazu die Verantwortlichen alle paar Wochen zu „Screening-Terminen“ zu sich ins Büro.

Und immer wieder profitieren beide Seiten davon: Anna Matschke ist eine von vielen Bewerberinnen, die für ihren Mut mit einer interessanten Stelle belohnt wurden. Umgekehrt freut sich die Firma über den engagierten Neuzugang.

Man könnte denken, Initiativ-Bewerbungen seien in Zeiten standardisierter Bewerbungsprozesse nicht mehr zeitgemäß. Nicht nur Ammon widerspricht: „Bei uns läuft der Einstellungsprozess händisch“, sagt sie. „Wir setzen uns mit den Schreiben wirklich auseinander.“

Konzerne bevorzugen die Standardbewerbung

Auch die Berliner Bewerbungstrainerin Panhoff empfiehlt Arbeitssuchenden, sich blind zu bewerben. Die meisten Unternehmen seien froh über unaufgeforderte Bewerbungseingänge. Nur ganz wenige Firmen würden der Eigeninitiative eher kritisch gegenüberstehen. Meist seien das Konzerne, etwa aus der Automobilindustrie, für die solche Maßnahmen zu aufwändig seien, um Stellen zu besetzen. Panhoffs Tipp: Der Interessent solle sich auf der Karriere-Webseite des Arbeitgebers informieren. Stehe dort, man solle sich auf ausgeschriebene Stellen bewerben, würden dort Initiativ-Bewerbungen tendenziell auf geringe Resonanz stoßen.

Am meisten Sinn macht die Initiativ-Bewerbung, wenn man einen Wunsch-Arbeitgeber für sich identifiziert hat, etwa weil er familienfreundlich ist, international tätig oder man sich gut vorstellen kann, an seinem Produkt mitzuarbeiten. Matschke wollte bei dan pearlman arbeiten, weil sie die Agentur für „offen, kreativ und smart“ hielt.

Damit ein Chance auf Erfolg besteht, muss eine Initiativ-Bewerbung maßgeschneidert werden auf das angeschriebene Unternehmen. Bewerber sollten zu erkennen geben, dass sie Bescheid wissen über die Firma beziehungsweise den Arbeitsplatz, für den sie sich interessieren. Und sie sollten im Anschreiben deutlich formulieren, warum sie gerade in diesem Unternehmen mitarbeiten wollen. Allerdings sollten sie das nicht in Form eines seitenlangen Essays tun. „Ich will die Bewerbung schnell überblicken, schnell einen Eindruck gewinnen“, sagt Personalerin Ammon. Eine extrem aufwändig gestaltete Bewerbung sei eher kontraproduktiv. Wichtiger sind eine „gute Lesbarkeit und eine gute Sortierung der Unterlagen“, sagt sie.

Das Anschreiben gehört in die E-Mail

Aus diesen Gründen ist auch von einer analogen Bewerbungsmappe abzuraten. Personalentscheider bevorzugen den elektronischen Weg. „Am besten ist, man formuliert das Anschreiben in der E-Mail und hängt eine PDF mit den weiteren Unterlagen wie Lebenslauf und Zeugnissen an“, rät die Berliner Trainerin Panhoff. Ganz wichtig beim Anschreiben sei auch, dass man es direkt an den zuständigen Mitarbeiter in der Personalabteilung adressiere. Wer sich an „Sehr geehrte Damen und Herren“ wendet, kann damit rechnen, aussortiert zu werden. Eine Initiativ-Bewerbung ist eben keine Massenaussendung, selbst wenn man zehn oder 15 Unternehmen kontaktiert.

Auf die Schnelle wird man eine solche Bewerbung daher nicht verfassen können. Doch die Mühe kann sich auszahlen. Anna Matschke jedenfalls ist nach knapp zwei Jahren in der Agentur noch immer froh, dass sie es gewagt hat, sich dort einfach mal zu bewerben.

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*Name geändert

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