Abo Abonnement
Foto: dpa
Foto: dpa

Dunkle Regenwolken hängen über der Skyline von Frankfurt am Main.

Finanzkrise Zehn Jahre Lehman: Erinnern ist Schutz

Dorothea Schäfer

Ach, die Finanzkrise, die haben doch schon alle vergessen“, ist derzeit manches Mal zu hören, wenn die Rede auf den anstehenden Zehnjahrestag des Lehman-Crashs am 15. September 2008 kommt. Doch ist das so? In der Tat sind die Forderungen nach weniger statt mehr Regulierung jüngst wieder lauter geworden. Bankenchampions werden öffentlich herbeigesehnt; Vielfalt im Bankensektor wird dagegen als Zersplitterung abqualifiziert. Und einige verlangen, den Banken zu erlauben, Eigenkapital einzusparen, wenn sie bestimmte Aktiva halten. Machen wir uns nichts vor: Das „Fenster der Möglichkeiten“ in der Finanzmarktregulierung, das aufgestoßen wurde nach der Lehman-Insolvenz, ist längst wieder zu.

Seit Längerem schon richten wir uns in einem „New Normal“ ein, mit niedrigen Zinsen, stark gestiegenen Vermögenspreisen, nach wie vor hohen Schuldenständen und Bergen von notleidenden Krediten. Die Erinnerung an den Schicksalstag der internationalen Finanzwelt beginnt zu verblassen. Zum „Neuen Normalen“ gehört dann auch, dass die Krisenverursacher manch einen der (Regulierungs-) Zwänge, die sie in Zeiten eigener Schwäche und Hilfsbedürftigkeit zähneknirschend akzeptiert haben, nun gerne wieder abstreifen würden.

Aber – bei allen berechtigten Forderungen nach einer Vereinfachung der Regulierung – einen Rückfall in die Epoche vor Lehman darf es nicht geben: Umfassende Deregulierung, zu großes Wohlwollen von Regierungen und Überwachungsbehörden, größenwahnsinnige Banker, die sich selbst als „Masters of the Universe“ bezeichnen, müssen der Vergangenheit angehören.

Verlust von Vertrauenswürdigkeit

Die große Finanz- und Wirtschaftskrise hat in den vergangenen zehn Jahren deutliche Spuren hinterlassen. Die Finanzbranche leidet weiterhin unter dem Verlust ihrer Vertrauenswürdigkeit durch Finanz-Alchemie und Betrug, Bürgerinnen und Bürger zweifeln zunehmend, ob Regierungen und Parlamente überhaupt in der Lage sind, die Finanzmärkte zu bändigen. Die Bankenrettung durch Steuergeld und die weiterhin üppigen Boni und Abfindungen haben unsere „große“, aber auch unsere „kleine“ Welt nachhaltig verändert.

Die Dominosteine sind 2008 zwar nicht wie befürchtet gefallen. Dafür aber haben sich im Gefolge Nationalismus, EU-Feindseligkeit und Euro-Phobie gefährlich breitgemacht. Brexit-Entscheidung, Trump-Wahl und die stark nachlassende internationale Koordinationsbereitschaft: All das sind schwerwiegende Begleitschäden des großen Glaubwürdigkeitsverlustes, der seinen Anfang in der Lehman-Insolvenz genommen hat. Wurde 2008 noch der Zusammenbruch des Finanzsystems durch weltweite gemeinsame Anstrengungen von Regierungen, Zentralbanken und Regulierungsbehörden verhindert, so darf man heute berechtigte Zweifel haben, ob das noch einmal gelingen würde.

Niemand kann seriöse Prognose abgeben

Auch wenn in diesen Tagen die Frage nach der nächsten Krise immer wieder gestellt wird, kann niemand eine seriöse Prognose abgeben, wann und wodurch die nächste Finanzkrise ausgelöst werden könnte. Versuche, aus der Entstehungsgeschichte des Lehman-Crashs eine Prognose abzuleiten, müssen spekulativ bleiben. Das Platzen einer lokalen Immobilienblase allein macht noch keine weltweite Finanzkrise. Erst recht nicht, wenn die Kredite langfristig und niedrig verzinst vorzugsweise bei privaten Haushalten liegen. Es braucht das Unbekannte, das im Moment der Bewusstwerdung quasi über Nacht aus vermeintlich sicheren Anlagen stark ausfallgefährdete Forderungen macht und dann einen Run an vielen Stellen des Finanzmarktes auslöst.

Foto: Florian Schuh/DIW Berlin

Prof. Dr. Dorothea Schäfer

Foto: Florian Schuh/DIW Berlin

Prof. Dr. Dorothea Schäfer

Könnte ein unterschätzter Brexit, eine mögliche Blase bei Investitionen in klimaschädliche Assets dieses Unbekannte sein? Niemand weiß es. Wir müssen hoffen, dass die Erinnerung an den 15. September 2008 und seine Folgen noch lange lebendig bleiben. Durch Krisenerfahrung geschärfte Wachsamkeit ist der beste Schutz gegen eine neuerliche Finanzmarktkatastrophe; Vergessen und überhebliche Selbstgewissheit sind der schlechteste.

Prof. Dr. Dorothea Schäfer ist die Forschungsdirektorin im Bereich Finanzmärkte am DIW Berlin.

0 Kommentare
Zur Startseite
Outbrain