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Foto: Oliver Berg/dpa
Foto: Oliver Berg/dpa

Mehr Freiraum. Die Erkenntnis, dass Wohnen nicht vor der Haustür endet, muss sich in der Immobilienwirtschaft erst noch durchsetzen.

Planung öffentlicher Räume Bonjour Tristesse: Wie Neubausiedlungen gestaltet werden

Irgendwo im Umland von Berlin – der Ort ist austauschbar – entsteht gerade ein „Wohnpark“ mit mehr als 200 Wohneinheiten. Über die „schöne Architektur“, die eine „gemütliche Atmosphäre“ schaffe (Website des Investors), müssen wir nicht groß reden. Sechs Geschosse, Putzfassaden mit Styropor-Wärmedämmverbundsystem, gängige Wohnungsgrößen, zwei bis vier Zimmer, Küche und Bad, tausendfach „bewährter“ Typ „Sozialwohnung“ der sechziger Jahre. Flexible Grundrisse, alternative Wohnformen, individuelle Wohnbedürfnisse, Raum für unterschiedliche Lebensgemeinschaften: Fehlanzeige.

Warum vermag der Blick auf den Freiflächenplan rings um die schematischen Gebäuden nicht zu überraschen? Zwischen den sieben lieblos aufgereihten Wohnblocks im Wesentlichen Verkehrsraum und Parkplätze. Es sind schließlich die übrig gebliebenen Restflächen, die begrünt werden (müssen). Offenkundig hat der Architekt die Parkplätze gleich mit geplant und versucht, das Maximum auf dem Areal unterzubringen. Die Restzwickel bleiben für den Menschen und werden begrünt. Vielleicht nimmt man sich tatsächlich noch einen Landschaftsarchitekten, der dann die Bäumchen aussucht. Denn nur er als Fachmann kann abschätzen, welche Pflanzen den Standort langfristig und pflegeleicht aushalten.

Je mehr Kostendruck durch wen auch immer aufgebaut wird, desto mehr gerät nicht nur die Architekturqualität, sondern auch die qualifizierte Freiflächenplanung ins Hintertreffen. Zwar erlebt und belebt der Mensch seinen Lebensraum ganzheitlich, doch immer seltener können oder dürfen Architekten ein Wohnambiente ganzheitlich planen.

Im Freien leben ist nicht vorgesehen

Immerhin haben wir nicht amerikanische Verhältnisse. In Houston lenkte der Hurricane Harvey im August die Aufmerksamkeit auf die dortigen Überschwemmungen. Betrachtet man auf Google Earth das Innenstadtgebiet, sind fast nur Dächer und Asphalt zu sehen. Angesichts der kompletten Versiegelung von Asphaltwüste zu sprechen, ist wohl nicht unangebracht. Im Freien leben, spielen, zu Fuß gehen, ist nicht vorgesehen. Das fürchterliche Mikroklima lädt auch nicht dazu ein. Schwere Regenfälle sorgen für Überschwemmungen, da der Boden kein Wasser aufnimmt.

Die USA haben bis auf wenige Ausnahmen ihre Kernstädte dem Auto geopfert und lassen ihre Städter in den Suburbs leben. Zwei Milliarden Parkplätze soll es in den USA geben, acht für jedes Auto.

Davon sind wir weit entfernt. Eine gewisse Gegenbewegung ist zu spüren. Hier und da gelingt es, das Auto etwas zurückzudrängen. Die Gestaltung des öffentlichen Raums ist ein aufkommendes Thema. Die Architekturbuchverlage fahren ihr halbes Sortiment mit einschlägigen Titeln. Und dennoch: In der Planungsrealität und in der Immobilienbranche kam bislang viel zu wenig davon an.

Für wen bauen wir eigentlich?

Nachdem in Deutschland der Fokus auf konstruktive Qualitäten gerichtet war, nachdem wir bei Wärmedämmung, Brandschutz und Sicherheitsauflagen schon Weltspitze sind, ist es an der Zeit, zu bedenken, für wen wir eigentlich bauen. Es muss gelingen, der systembedingt ausschließlich profitorientierten Immobilienwirtschaft entsprechende Standards für menschliche Wohnbedingungen abzuringen oder vorzugeben. Das ist nicht einfach. Schon mit dem prioritären Ziel, mehr „bezahlbaren Wohnraum“ zu schaffen, tun sich die Gemeinden enorm schwer, da man das Instrument des sozialen Wohnungsbaus ohne Not aus der Hand gegeben hatte. Vorschriften, Anreize und Förderung scheinen nicht richtig greifen zu wollen. Die explodierenden Bodenpreise – in gesuchten Lagen mehr als tausend Prozent – machen es auch den gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften unmöglich, kostendeckend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Auch die Baugruppenprojekte, vor zehn Jahren noch die große Hoffnung, weil sie kostengünstig qualitätvollen, individuellen, flexiblen Wohnraum schufen, sind angesichts der horrenden Bodenpreise verschwunden.

Auch wenn auf dem Markt viel Geld verdient wird, scheint es fast unmöglich, architektonische Qualitätsstandards zu befördern. Die Immobilienwirtschaft scheut jegliches Risiko. Wozu auch, gelang es doch, bislang jedenfalls, jede Wohnung zu Höchstpreisen loszuschlagen. Der Kunde kaufte unbesehen der Wohnqualität, meist nicht zum Eigenbedarf, sondern als Geldanlage. Eine qualifizierte Nachfrage gibt es kaum.

Am Landschaftsarchitekten wird gerne gespart

Dass es auch noch an der Qualität des Außenraums mangelt, den die Investoren ohnehin nur als unrentierlichen Kostenfaktor sehen, kann nicht mehr überraschen. Freiraum ist Raum, der von den Baukörpern gebildet wird und deshalb gleich zu Anfang im Rahmen der Baukörperdisposition bewusst gestaltet werden muss. Mit der seriellen Aufreihung ökonomisch konfektionierter Baukörper ist brauchbarer Freiraum nicht zu machen.

Denn schon der Ansatz ist falsch, den Zuschnitt der Freiflächen beim Entwurf der Wohnhäuser irgendwie geschehen zu lassen und ihre Gestaltung und Ausstattung am Ende des Tages, wenn das Budget ohnehin schon ausgeschöpft ist, mehr oder weniger zu improvisieren. Am Garten- und Landschaftsarchitekten wird gerne zuerst gespart.

Dabei hängt es von der Erdgeschosszone und dem Freiraum um die Häuser ab, ob ein Wohnumfeld transitorische Zone bleibt, die man auf dem Weg vom Auto zur Privatheit hinter der Wohnungstür rasch durcheilt. Oder ob er zum Lebensraum wird, zur erweiterten Wohnung, zum Ort der sozialen Interaktion mit den Mitbewohnern, des Aufenthalts, der Erholung. Wie so etwas aussehen kann, wie man es plant und realisiert, ist kein Geheimnis, ist vielfach untersucht und publiziert worden, unter anderem durch den dänischen Stadtplaner Jan Gehl in seinem 2010 erschienenen Erfolgsbuch „Städte für Menschen“ (deutsch 2015 bei Jovis). Er zeigt, dass die Gestaltung des Wohnumfeldes gemeinsamer Anstrengung der Stadt-, Verkehrs- und Objektplaner beziehungsweise Grundstückseigner bedarf. Doch so lange das Wohl des Bewohners, Käufers, Mieters, nicht im Interesse der Immobilienwirtschaft liegt, werden sich Langeweile und Ödnis in Neubaugebieten ausbreiten. Die „gute alte Zeit“, in der das ganzheitliche Planen des Wohn- und Lebensraums noch selbstverständlich war, liegt mindestens 80 Jahre zurück.

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