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Michael Sohn/POOL AP/dpa
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Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) schätzt den Ratschlag von Ökonomen.

Neue Allianzen in der Coronakrise Wie eng der Austausch zwischen Ökonomen und Olaf Scholz ist

Mit volkswirtschaftlichen Einschätzungen durchzudringen ist nicht einfach. Das bestätigte unfreiwillig Ende April sogar der Charité-Chefvirologe Christian Drosten, als er sich im Interview mit der „SZ“ fragte, wo eigentlich die Wirtschaftswissenschaftler seien. Die wissenschaftlichen Experten aus der Wirtschaft seien „nicht sichtbar“, sagte er. „Ich lese von denen nicht einmal die verkürzten Botschaften in der Zeitung.“

Nun kann man Drosten wohl zugutehalten, dass er derzeit wenig Zeit hat, jede Zeitung gründlich durchzulesen. Doch eigentlich sind Ökonomen in den Medien im Moment präsent wie selten. Auch hat der Sachverständigenrat zur Coronakrise ein Sondergutachten vorgelegt, das Ifo-Institut mehrere Szenarien ausgerechnet und die Frage, wie lange die deutsche Wirtschaft den Lockdown aushalten kann, hat etwa Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), schon Ende März in einem Tagesspiegel-Gastbeitrag diskutiert. Und das sind nur einige Beispiele.

Doch angesichts Drostens Satz liegt die Frage nahe: Welchen Einfluss haben Ökonomen in den Corona-Debatten? Und welchen Einfluss haben sie auf die Politik?

Ökonomen "recht stark" wahrgenommen

Michael Hüther ist da durchaus zufrieden. „Generell ist es gut, dass Wirtschaftswissenschaftler in dieser Situation wieder stärker wahrgenommen werden“, sagt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) dem Tagesspiegel. Marcel Fratzscher meint sogar, Ökonomen würden derzeit „recht stark“ in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Er sieht die Aufgabe der Wissenschaftler darin, die öffentliche Diskussion mit Informationen zu bereichern und der Politik eine gute Grundlage für ihre Entscheidungen zu geben.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP Dori

Sebastian Dullien ist seit April 2019 Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), gern als gewerkschaftsnah beschrieben.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP Dori

Sebastian Dullien ist seit April 2019 Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), gern als gewerkschaftsnah beschrieben.

Doch nicht jeder ist mit dem Bild des Berufsstandes derzeit so glücklich. Bei Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) klingt das so: „Leider habe ich gelegentlich den Eindruck, dass übermäßig Ökonomen mit Äußerungen zu Themen wahrgenommen werden, von denen sie keine Ahnung haben.“

Auch Rudi Bachmann, Professor für Makroökonomik an der US-Universität Notre Dame, meint, es gebe genug wissenschaftliche ökonomische Beiträge. „Doch häufig finden die Falschen Gehör; die, die in der Wissenschaft wenig Standing haben."

Stefan Homburg gibt Verschwörungstheoretikern Stoff

Beide spielen auf den Hannoveraner VWL-Professor Stefan Homburg an. Er hat den Shutdown in großen Medien und teilweise auch auf Demonstrationen von Verschwörungstheoretikern immer wieder hart kritisiert. Er warnt vor Zwangsimpfungen und meint, man brauche nichts gegen das Coronavirus zu unternehmen; jede Viruswelle erreiche ihren Höhepunkt und stoppe von selbst.

In der Ökonomenszene steht er mit diesen Aussagen ziemlich allein da. Dullien spricht von „einem Bereich, in dem er keinerlei Fachkenntnisse hat und den Epidemiologen und Virologen wesentlich besser behandeln könnten“. Das sei umso schlimmer, als dass sich „die Vorhersagen von Herrn Homburg wiederholt als falsch erwiesen haben und irreführend sind“.

Tatsächlich hatte Homburg im März in der „Welt“ geschrieben, es werde kaum mehr als 3000 Corona-Tote in Deutschland geben. Inzwischen liegt die Zahl bei fast 8000. „Es ist für den Fachmann keine Überraschung, dass seine Prognosen scheitern mussten“, meint auch Bachmann mit Blick auf die Methodik. „Jeder Doktorand der Ökonomik wäre bei solch groben Fehlern durch das Examen gefallen.“

Homburg selbst sagt auf Nachfrage, er habe seine Berechnungen als besorgter Bürger und „mit Statistik vertrauter Wissenschaftler“ durchgeführt. Es habe „am Anfang der Krise einfach eine Gefahreneinschätzung der Bundesregierung gefehlt“. Dass seine Prognose um über 100 Prozent daneben liegt, hält er nicht für dramatisch und beruft sich auf ein Papier aus dem Bundesinnenministerium, laut dem die Bundesregierung mit 1,2 Millionen Toten gerechnet habe. „Da stehe ich im Vergleich doch ganz gut da“, sagt er.

Austausch mit dem Finanzministerium

Doch während Homburg in der „Bild“ als einer der klügsten Corona-Skeptiker gefeiert wird, scheinen Deutschlands Spitzenökonomen an direktem Einfluss auf die Politik zu gewinnen. Seit Olaf Scholz (SPD) das Bundesfinanzministerium führt, ist der Austausch zwischen Politik und Wirtschaftswissenschaftlern intensiv wie nie geworden.

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Anfang vergangenen Jahres holte der Vizekanzler den Wirtschafts- und Finanzexperten Jakob von Weizsäcker als Chefvolkswirt in sein Haus. Der brachte sein Netzwerk mit und initiierte einen E-Mail-Austausch mit rund 150 Ökonomen und Finanzexperten. So wurden auch Wissenschaftler in die Ideenfindung einbezogen, die nicht im wissenschaftlichen Beirat sitzen oder dem Sachverständigenrat angehören.

Videoschalte jeden Donnerstag um 17 Uhr

Am 11. März stellten die sieben Ökonomen Peter Bofinger, Gabriel Felbermayr, Clemens Fuest, Jens Südekum, Beatrice Weder di Mauro sowie Dullien und Hüther ein Papier zur Rettung der Wirtschaft vor. Zwei Tage später lud das Finanzministerium sie ein, um über ihre Ideen zu sprechen. Mittlerweile ist es zu einem festen Termin geworden, dass führende Ökonomen jeden Donnerstag um 17 Uhr für eineinhalb Stunden per Video mit dem Bundesfinanzministerium konferieren.

Auch Beamte etwa aus dem Bundeswirtschaftsministerium oder anderen Institutionen wie der EZB schalten sich je nach Thema zu, sodass meist 10 bis 15 Teilnehmer zusammenkommen. Als Macher dahinter gilt Staatssekretär Wolfgang Schmidt. „Wir arbeiten in einer Art und in einer Intensität mit den Wissenschaftlern zusammen, wie ich es aus der Finanzkrise nicht kenne“, sagt er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Das erweist sich in dieser Krise als sehr produktiv.“

Gleichzeitig ergeben sich neue Allianzen in der ehemals streng in Lager aufgeteilte VWL. Schon vor dem Coronavirus stellten das arbeitgebernahe IW und das gewerkschaftsnahe IMK gemeinsam einen Investitionsplan für Deutschland vor. Seitdem haben beide Institute und ihre Chefs häufig gemeinsam Stellung bezogen.

„Ich beobachte eine Entideologisierung unter den Ökonomen“, sagt Schmidt. „Ein gemeinsames Papier von Hüther und Dullien hätte man vor drei Jahren auch nicht erwartet.“ Rudi Bachmann bestätigt: „In den Krisenmaßnahmen waren sich eigentlich alle ernstzunehmenden Ökonomen einig. Auch konservative Zeitgenossen war klar, dass Liquiditätshilfen unumgänglich sind.“

Woher kommt die neue Einigkeit?

In der Szene gibt zwei Lesarten dieser neuen Einigkeit. Die erste: In der Wissenschaft herrscht inzwischen ein Markt, der es niemanden mehr erlaubt, nur noch ideologisch zu argumentieren. „Man muss heute Daten sprechen lassen“, sagt ein Insider. „Sonst verliert man schnell seine Reputation.“ Früher habe man eine Wissenschaftskarriere oft einfach nur mit den „richtigen“ Einstellungen machen können. „Da hat man schneller mal einfach losgeholzt.“

Die zweite Lesart ist pragmatischer: Auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben mitunter dieselben Interessen. Wenn es etwa um Investitionen in die Industrie geht, tut das sowohl den Unternehmen als auch den Beschäftigten gut. „Man findet gemeinsam mehr Gehör“, sagt Hüther selbst dazu. „Generell sollten wir uns nicht von Ideologien oder der Zugehörigkeit zu einem Lager leiten lassen.“ Das findet auch Dullien, fügt aber an, dass auch Pragmatiker nicht immer einig sind. „Da Ökonomen unterschiedliche Wertvorstellungen haben, werden sie auch zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. “

Michael Kappeler/dpa

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, gerne als arbeitgebernah beschrieben.

Michael Kappeler/dpa

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, gerne als arbeitgebernah beschrieben.

Kritik am wissenschaftlichen Beirat

Die Intensität des Austausches zwischen diversen Ökonomen und der Bundesregierung nährt schon fast den Verdacht, dass Scholz und Co. den neuen Formaten mehr vertrauen als den Wirtschaftsweisen oder dem wissenschaftlichen Beirat. Offiziell streiten das natürlich alle Ministeriumsvertreter ab. Doch auf den Fluren an der Wilhelmstraße ist zu hören, dass man es durchaus schätzt, Ratschläge von Ökonomen zu hören, die sich aktiv am aktuellen Diskurs beteiligen – sei es in der akademischen Welt oder auf Twitter.

Dass Videokonferenzen nun Normalität sind, hat den Austausch noch vereinfacht. Es wird jedenfalls kein Zufall sein, dass der wissenschaftliche Beirat bei besagter Videokonferenz nicht dabei ist. Unter Ökonomen gilt das Gremium ohnehin oft als überholt, da die Mitglieder auf Lebenszeit berufen werden und häufig aus der aktiven Forschung ausgestiegen sind – hier herrsche eine gewisse „Seniorität“ ist in der Szene zu hören; positiv ist das nicht gemeint.

Doch auch die beste ökonomische Beratung hat ihre Grenzen: Die Realität. „Der Wert von wissenschaftlicher Politikberatung hat sehr viel damit zu tun, ob die Wissenschaftler unsere praktischen Probleme kennen“, sagt Schmidt. „Es mag optimale Programme aus volkswirtschaftlicher Sicht geben, doch wir müssen schauen, dass die vorhandenen Systeme das auch leisten können.“ Wer nur in theoretischen Modellen denkt und die Praxis vergisst, ist für die Politik aktuell also nicht so relevant. Dasselbe gilt übrigens auch für Stefan Homburgs Berechnungen. Sie spielen, so ist von Ökonomen einhellig zu hören, im Ministerium keine Rolle.

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