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Foto: Rudolf Wichert/ Deutsche Post
Foto: Rudolf Wichert/ Deutsche Post

Personalvorstand Thomas Ogilvie

Personalchef der Deutschen Post „Wir entwickeln einen Spezialschuh für alle Briefträger“

Herr Ogilvie, viele Menschen ärgern sich über falsch oder nicht zugestellte Briefe. Wie oft geht es Ihnen so?

Über meinen Postboten habe ich mich noch nie geärgert.

Mir brachte vor einigen Tagen ein völlig erschöpfter Bote ein Paket an die Tür. Er musste zehn Stunden arbeiten, erzählte der Mann, und es war der sechste Arbeitstag in Folge.

Bei uns arbeiten alle Zustellkräfte nach tarifvertraglichen oder beamtenrechtlichen Regelungen. Es gibt Dienstpläne, die mit den Betriebsräten vereinbart werden, einen Freizeitausgleich, und zusätzlich zum Erholungsurlaub auf Wunsch auch gezielte Entlastungszeiten. Das schließt nicht aus, dass es auch einmal zu einer Sechstagewoche kommen kann, wenn mehr zu tun ist oder ein Kollege ausfällt. Aber das ist eher die Ausnahme.

Er erklärte sein Pensum mit der hohen Fluktuation. Kollegen würden kommen und ziemlich schnell wieder gehen.

Die Deutsche Post beschäftigt in Deutschland mehr als 200 000 Festangestellte. Einige davon sind seit Jahrzehnten bei uns. Wer neu dazukommt, muss für sich herausfinden, ob ihm der Beruf dauerhaft liegt: Man muss Spaß am Umgang mit Menschen haben und bei jedem Wetter gerne draußen sein.

Sie sind studierter Psychologe: Was motiviert Menschen ihrer Meinung nach zu guter Arbeit?

Im Kern geht es um drei Dinge: Ordentlich behandelt zu werden, das bedeutet, einen geregelten Vertrag zu haben und ein ordentliches Gehalt zu bekommen, von dem man leben kann. Zweitens geht es darum, zu einer Gruppe, einem Team zu gehören. Und drittens, das Gefühl zu haben: Ich bewirke etwas mit meiner Arbeit. Niemand sonst außer unseren Paketzustellern liefert am Tag mehr als vier Millionen Mal selbst erfüllte Wünsche und Überraschungen aus.

Wie bewerten Sie diese drei Punkte bei der Post auf einer Notenskala?

In unserer Branche: Ganz klar eine Eins.

Ach ja? Die Personalpolitik der Post wird immer wieder kritisiert. Zuletzt, weil Mitarbeiter nur dann entfristet werden, wenn sie nicht länger als 20 Tage im Jahr krank sind.

Bei Unternehmen und auch im öffentlichen Sektor sind befristete Stellen nichts Ungewöhnliches. Ich finde es wichtig, dass wir nach klaren Kriterien entscheiden. Zusammen mit unserem Sozialpartner haben wir ein Konzept abgestimmt und auf dieser Grundlage in den vergangenen Jahren mehr als 16000 befristete in unbefristete Anstellungen überführt. Für mich ist unser Vorgehen das Gegenteil von Willkür. Deswegen hat mich die allgemeine Empörung verwundert.

Sie wissen aber schon, dass man durch solche Botschaften Druck aufbaut.

Wir müssen klar und ehrlich sein: Wenn jemand, der neu zu uns gekommen ist, häufig ausfällt, ist das ein Problem für den Betrieb. Und wenn das regelmäßig samstags oder montags passiert, ist das auch eine Aussage. Das dient dann durchaus als eine Entscheidungshilfe von vielen, um zu sehen, ob jemand geeignet und zuverlässig ist.

Einige Zusteller schleppen sich deswegen krank zur Arbeit. Sind das Vorzeigemitarbeiter, die besonders zuverlässig sind?

Ich kann nur jedem raten: Wer wirklich krank ist, gehört ins Bett. Die Folgekosten von verschleppten Krankheiten sind für Mitarbeiter und Unternehmen sehr viel höher, als wenn man zu Hause bleibt und sich auskuriert.

Arbeitsminister Hubertus Heil möchte die sachgrundlose Befristung per Gesetz stark eindämmen.

Zur Natur unseres Geschäfts gehören saisonale Schwankungen. Auch wenn jetzt September ist: Das Weihnachtsgeschäft geht los. Im Dezember werden wir zweieinhalb Mal so viele Pakete ausliefern wie im Sommer und die Spitze geht bis Ende Januar. Drei Monate später beginnt das Ostergeschäft. Wir haben ein Interesse daran, dass wir mit guten Arbeitsplätzen flexibel auf den schwankenden Bedarf reagieren können, weil dies gut für den Standort Deutschland ist. Ich glaube, dass daran Wirtschaft und Politik ein gemeinsames Interesse haben.

Sie brauchen für das Weihnachtsgeschäft 10 000 zusätzliche Mitarbeiter. Wie locken Sie die zu sich?

Mit einem schnellen Einstieg, gutem Gehalt und guten Arbeitsbedingungen. Für alle Interessierten gilt: „Werde einer von uns!“ Wir werben bundesweit auf Großflächenplakaten bis hin zu digitalen Kanälen wie Facebook oder Instagram damit, dass Bewerber nicht unbedingt hochqualifiziert sein müssen und auch kein langes Motivationsschreiben mit 27 Anhängen einreichen brauchen. Wir bekommen heute schon mehr Bewerbungen als wir Stellen anbieten können.

Sind Flüchtlinge mittlerweile die Geschenkboten der Deutschen?

Wir haben viele erfahrene Zusteller, die seit Jahren dem Weihnachtsmann zur Hand gehen. Dazu kommen Studenten, und auch Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Als Sortierer oder Zusteller braucht man keine zig Zeugnisse und Nachweise, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, was einer von zwei zentralen Faktoren für erfolgreiche Integration ist. In den vergangenen Jahren haben 4500 Geflohene in unseren Arbeitsalltag hineingeschaut und mehr als die Hälfte ist mit dauerhaften Jobs geblieben.

Mit den Adressen haben die trotz so mancher Krakelhandschrift keine Probleme?

Basissprachkenntnisse sind natürlich Voraussetzung in der Zustellung. Und Lesen zu können, was auf dem Brief oder Paket draufsteht, muss natürlich auch sein. Sie brauchen bei uns aber nicht dasselbe Vokabular wie in einer Arztpraxis.

Was geschieht nach Weihnachten?

Im Frühjahr werden einige befristete Beschäftigungsverhältnisse auslaufen, aber nicht alle. Denn wir glauben, dass die Summe von Paketen in den kommenden Jahren stabil um fünf bis sieben Prozent weiter wachsen wird.

Das neue Ausbildungsjahr hat gerade begonnen. Wollen Schüler Postbote werden?

Rund 2600 Plätze haben wir in diesem Jahr angeboten und viele Bewerbungen erhalten. Weit über 80 Prozent der Stellen haben wir bislang besetzt.

In Bremen werden Ihre Briefträger zu Seniorenhelfern. Sie sehen nach ihnen, bringen ihnen Bargeld vorbei. Wann können ältere Berliner mit dem Service rechnen?

Das Pilotprojekt in Bremen läuft sehr gut. Viele Familien leben nicht mehr in einem Haus, sondern verteilt im ganzen Land – und etliche Senioren allein. Das wirft die Frage auf, wie ein solches Projekt auch in anderen Städten etabliert werden kann, aber dazu gehört die Frage: Wer finanziert das? Ich halte es für zu komplex, wenn dieser Service einzeln und direkt von jedem älteren Menschen oder Angehörigen bei uns gebucht wird. Im Zusammenspiel mit den Sozialträgern und der Politik könnte dies aber ein flächendeckend funktionierendes Angebot werden.

Die Menschen bestellen immer mehr im Internet, was in teils sehr schweren Paketen geliefert wird. Wie schützen Sie Ihre Mitarbeiter vor kaputten Rücken und Füßen?

Jedes Jahr bietet die Post rund 50 000 Sport- und Gesundheitsangebote zum Beispiel für den „Gesunden Rücken“ an. Zusätzlich entwickeln wir gerade einen speziellen Zustellschuh, denn eine der häufigsten Unfallursachen ist stolpern, ausrutschen, stürzen. Deswegen braucht es das richtige Schuhwerk wie beim Sport. In den nächsten zwölf bis 18 Monaten soll diesen Schuh jeder Bote tragen.

Ein Schuh macht das Schleppen in den vierten Stock noch nicht leichter.

Wir experimentieren außerdem mit einem Exoskelett, einer hydraulischen Kleidung zum überziehen, die Muskeln und Gelenke schont. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Apropos Zukunft: Wann ersetzt der Roboter die schwere Briefkarre?

Der „Postbot“ hat großes Potenzial. Vor einem Jahr haben wir den Begleitroboter in Bad Hersfeld sechs Wochen lang bei der Zustellung getestet. Es passen viel mehr Briefe und Pakete hinein und er rollt von selbst hinter dem Mitarbeiter her. Wir müssen aber noch schauen, wie sich das Modell rechnet und wie die Städte den Einsatz regeln. Beim autonomen Fahren wollen Behörden und Gesetzgeber sicherstellen, dass alles ordentlich und sicher zugeht. Und das dauert.

Thomas Ogilvie ist seit gut einem Jahr Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Deutschen Post DHL – und für mehr als 510 000 Mitarbeiter weltweit zuständig. Der 41-Jährige ist seit mehr als 15 Jahren bei dem Logistikkonzern tätig. Ursprünglich war nur ein Praktikum in der Marktforschung geplant – doch er blieb bis heute. In den vergangenen Jahren wirbelte das Internet auch das Geschäftsmodell des Konzerns durcheinander: immer weniger Briefe, dafür umso mehr Pakete wegen des wachsenden E-Commerce. Vor seiner Karriere bei der Post studierte Ogilvie in Bonn Psychologie. Neben dem Job promovierte er an der Universität St. Gallen in Wirtschaftswissenschaften.

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