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Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
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Passagiere warten am Flughafen Schönefeld

Zahlreiche Ausfälle und Verspätungen Piloten verteidigen Streik bei Ryanair – Zehntausende betroffen

Die Piloten der Billig-Fluglinie Ryanair sind am frühen Freitagmorgen in den Streik getreten. Wie ein Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) sagte, begann der Streik um 3.01 Uhr an allen deutschen Flughäfen. Der Ausstand soll bis Samstagfrüh um 2.59 Uhr andauern. Es ist der bislang härteste Pilotenstreik in der Geschichte des Unternehmens.

Reisende in Deutschland und weiteren europäischen Ländern müssen sich deshalb auf Ausfälle und Verspätungen einstellen: Der irische Billigflieger strich allein 250 Verbindungen von und nach Deutschland. Auch in Belgien, Irland, Schweden und den Niederlanden wollten die Ryanair-Piloten die Arbeit niederlegen. Das Unternehmen teilte mit, dass trotz der Streiks am Freitag europaweit rund 2.000 Flüge stattfinden sollten, rund 85 Prozent des ursprünglichen Flugplans. Die österreichische Ryanair-Beteiligung Laudamotion strich 20 Flüge, weil die von Ryanair ausgeliehenen Flugzeuge und Besatzungen fehlten.

In den Niederlanden war Ryanair am Vorabend mit dem Versuch gescheitert, den Streik per Gerichtsbeschluss stoppen zu lassen. Flugausfälle habe es dort aber nicht gegeben, teilte das Unternehmen mit. Nach Informationen der Pilotengewerkschaften wurden in den niederländischen Jets sogenannte Managementpiloten und nicht streikberechtigte Leih-Piloten aus Belgien eingesetzt.

Weitere Streiks nicht ausgeschlossen

Von 2.400 in Europa geplanten Flügen sagte die Fluggesellschaft jeden sechsten ab. In Schönefeld waren nach Stand am Freitagmorgen mehr als 30 Abflüge für den Tag gestrichen, viele davon sollten an Ferienziele führen.

Vor allem am frühen Morgen hob dem Plan zufolge kaum ein Ryanair-Flieger von einem deutschen Flughafen ab. Im Laufe des Tages finden dann einige Flüge statt mit Maschinen, die aus anderen, nicht bestreikten Ländern landen und auch wieder starten. Europaweit sind bei 400 Flugstreichungen rund 55.000 Passagiere betroffen, davon gut 42.000 in Deutschland. Sie konnten umbuchen oder sich ihre Tickets erstatten lassen. Weitere Entschädigungen lehnt Ryanair ab.

Zu dem Arbeitskampf hatte die Vereinigung Cockpit aufgerufen. Die Piloten fordern bessere Arbeitsbedingungen und mehr Gehalt. Dem irischen Unternehmen wird immer wieder vorgeworfen, sein Personal deutlich schlechter zu bezahlen als andere Billigfluggesellschaften. Ryanair weist das zurück.

Die Gewerkschaft zeigte sich am Freitag zufrieden mit dem Verlauf des Arbeitskampfes. Eine Verlängerung über Samstagmorgen um 02.59 Uhr sei nicht geplant, sagte Sprecher Janis Schmitt. „Wir werden uns den heutigen Tag anschauen und bewerten. Wir hoffen, dass Ryanair unser Signal verstanden hat und dann zu ernsthaften Verhandlungen bereit ist.“ Weitere Streiks will die Gewerkschaft nicht ausschließen. „Wenn da nichts kommt, können wir uns auch weitere Aktionen vorstellen“, sagte Schmitt.

Piloten wollen nicht das "unternehmerische Risiko von Ryanair tragen"

Die Gewerkschaft verteidigte den Streik. "Ryanair verkauft Tickets ab 39 Euro und macht gleichzeitig einen Gewinn von 1,4 Milliarden Euro", sagte VC-Sprecher Janis Schmitt am Freitagmorgen dem Bayerischen Rundfunk. "Da ist klar, dass die Zeche die Mitarbeiter zahlen." Die Piloten wollten gern ein "berechenbares Gehalt haben" und nicht das "unternehmerische Risiko von Ryanair tragen". Die Gewerkschaft fordert vor allem eine andere Gestaltung des Gehalts. Derzeit bekommen die Piloten ein relativ geringes Grundgehalt. Der variable Rest orientiert sich an den tatsächlichen Flugstunden.

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VC-Verhandlungsführer Ingolf Schumacher sagte dem Sender ntv am Freitagmorgen, die Gewerkschaft wolle "dem Unternehmen nicht schaden". Nötig sei aber ein "Umdenken in der Konzernzentrale in Dublin" beim Umgang mit den Beschäftigten. Die Fronten im Tarifstreit zwischen der Gewerkschaft und dem Unternehmen bezeichnete er als "verhärtet".

Erst vor zwei Wochen streikten die Flugbegleiter

Die abgestimmte Aktion ist der bislang größte Pilotenstreik in der Geschichte der größten Billig-Airline Europas, die erst seit Ende 2017 Gewerkschaften anerkennt. Vor zwei Wochen hatten zudem Flugbegleiter in Portugal, Spanien und Belgien über zwei Tage zusammen rund 600 Flüge mit knapp 100.000 betroffenen Passagieren ausfallen lassen. Unter den europäischen Piloten haben bisher einzig die Iren an vier einzelnen Tagen die Arbeit niedergelegt. Ryanair hatte daraufhin den Abzug von sechs Jets samt 300 Arbeitsplätzen nach Polen angekündigt.

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Gewerkschaften und Ryanair beschuldigen sich gegenseitig, die seit rund sechs Monaten laufenden Verhandlungen zu blockieren. Die VC will bei der irischen Gesellschaft erstmals ein System aus Vergütungs- und Manteltarifvertrag etablieren und zieht dafür andere Fluggesellschaften als Muster heran. In den Vorschlägen sind zahlreiche Details etwa zu Dienstzeiten, Versetzungen oder Fixanteilen des Gehalts enthalten. Ryanair verweist auf vergleichsweise hohe Endgehälter ihrer Kapitäne und Copiloten. Das Unternehmen will keine Vereinbarungen treffen, die sein Niedrigkostenkonzept in Frage stellen würden. (Tsp, AFP, dpa)

Die Ryanair-Piloten streiken zurecht: Lesen Sie hier einen Kommentar unserer Wirtschaftsressortleiterin Heike Jahberg.

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