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Pralles Leben. Louisa begeistert sich in Lissabon für Street-Art, Robin weniger.

Erasmus-Studium mit Kind Robin sagt Olá

Hend Taher

An einem kalten Winterabend denken Louisa Kamrath und Bastian Burkhard: Wollen wir nicht, solange Robin noch klein ist und wir noch studieren, eine längere Zeit ins Ausland gehen? Bastian, 30 Jahre alt, war noch nie richtig weg. Louisa, 27, ist immer gern auf Reisen gegangen. Sie war länger in Chile und Brasilien. Bis Robin kam.

Vor einem Jahr und zwei Monaten haben Louisa und Bastian ihre Tochter bekommen. Robin geht noch nicht in die Kita, die Eltern betreuen sie zu Hause und studieren in Teilzeit. Louisa macht einen Master in Soziokulturellen Studien in Frankfurt (Oder). Bastian studiert im Bachelor Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule. In Charlottenburg wohnen sie in einer WG und wechseln sich bei der Betreuung von Robin ab. Einer hat sie tagsüber, der andere bringt sie ins Bett und macht die Nacht. Die jungen Eltern organisieren ihre Termine durch einen Smartphonekalender. Die Mitbewohnerinnen haben auch Kinder, bei Krankheiten und Notsituationen unterstützt man sich gegenseitig.

Schon das normale Studium ist mit Kind belastender

Bastian jobbt 20 Stunden in der Woche und Louisa bekommt Bafög. Einmal in der Woche arbeitet sie ehrenamtlich im Frauenzentrum Schokofabrik, beide gehen ab und zu abends weg, bauen mit Freunden Gemüse an, empfangen Freunde und Familienbesuch. „Studieren mit Kind ist einfacher, als mit Kind zu arbeiten, weil man da flexibler ist“, sagt Louisa. „Es ist belastend, gleichzeitig zu studieren, zu arbeiten und ein Kind zu haben“, sagt Bastian.

Und doch hat sich die kleine Familie dafür entschieden, ein Erasmus-Semester in Portugal zu machen. Bastians Kalkül, bevor es nach Lissabon losgehen soll: „Ich bin froh, dass wir wegfahren und ich mich dann nur noch um Uni und Kind kümmern muss.“ Wobei auch für Robin in Lissabon ein neuer Lebensabschnitt beginnen soll – mit dem Kitabesuch.

Ein Schock: Die Kita in Lissabon kostet 450 Euro

Sie fangen an zu recherchieren. Die einzige Kita in Lissabon, von der eine Rückmeldung kommt, kostet 450 Euro monatlich. Ein Schock. Louisa bekommt Auslands-Bafög mit Kinderzuschlag plus Kindergeld, und Bastian bekommt nur die Erasmus-Förderung. Das reicht nicht, um neben Reisekosten und Wohnungsmiete auch noch mehrere Hundert Euro Kitagebühren abzuzweigen. Was tun? Beim Bezirksamt fragt Louisa, ob man den Kitagutschein auch für Lissabon verwenden kann. „Die Dame am Telefon hat gelacht. Ich fand die Idee auch lustig. Aber hätte ja auch klappen können.“

Ein Stipendium für Bastian? Fehlanzeige, es gibt kein Programm, das auf seine Situation passt. „Wenn du als Elternteil kein Bafög bekommst oder deinen Job nicht auch aus dem Ausland machen kannst, kommt Erasmus eigentlich nicht infrage“, sagt Louisa. Dann die Überraschung. Bastians Antrag auf Wohngeld in Berlin ist nach einem Jahr durch. Und er bekommt eine Nachzahlung, die sein Konto auffüllt. Damit können Louisa und Bastian für das Semester in Lissabon mit monatlich 1600 Euro planen. Sie beschließen endgültig, das Erasmus-Abenteuer zu wagen. Und haben noch eine tolle Idee, wie sie sparen können.

Sie leihen sich von Bastians Vater den alten Wohnwagen und sein Auto dazu. Damit können sie erst mal auf dem Campingplatz wohnen – was in den Nebensaison 250 Euro kostet – und entspannt nach einer Wohnung suchen. Außerdem interessiert sich der Deutsche Akademische Austauschdienst für das Erasmus-Projekt der Kleinfamilie. Louisa kann auf dem Blog „studieren-weltweit“ über ihre Erfahrungen schreiben und bekommt für regelmäßige Blogbeiträge 50 Euro im Monat und ein Smartphone.

Sie sind an einer privaten Hochschule gelandet

Von nun an laufen die Vorbereitungen leichter. Sie bewerben sich an einer Uni in Lissabon, die ihre Studiengänge auf Englisch anbietet, werden angenommen. Sie melden sich in Berlin ab und in Lissabon an. Zeitdruck und viel Papierkram. Für Robin bleibt es bei dem gebührenpflichtigen Kitaplatz, aber wenigstens ist er um die Ecke von der Uni. Bastian macht gemeinsam mit seinem Vater den Wohnwagen fit – und endlich kann die Reise beginnen.

Über Südfrankreich und entlang der Küste über Nordspanien fahren sie nach Lissabon. Jeden Morgen haben sie den Atlantik vor der Tür. Nur fällt Robin die lange Autofahrt schwer. Planumstellung: Sie fahren nachts, wenn die Kleine schläft. Tagsüber spielen sie mit Robin draußen, schwimmen und kochen. Nach zwei Wochen erreichen sie den Campingplatz in Lissabon.

Die Stadt ist wunderschön, überall kleine Gässchen direkt am Tejo. „Und es ist auf jeden Fall wärmer als Berlin in Winter“, sagt Louisa. „Da dachte ich mir: Wir haben es richtig gemacht.“ Und schon fängt die Uni an. Mit dem Fahrrad sind sie in einer halben Stunde dort. Die Universität ist allerdings erst einmal gewöhnungsbedürftig. Sie sind an einer privaten Hochschule gelandet. Als Erasmus-Studierende müssen sie zwar keine Studiengebühren zahlen, aber die schick gekleideten und sehr leistungsorientierten Studierenden sind ihnen fremd. In diesem armen Land wirke diese Reichen-Uni wie eine Insel, findet Bastian.

Andere Studierende mit Kind? Fehlanzeige

Andere Studierende mit Kind gibt es dort nicht. Bastian und Louisa kommen anfangs kaum mit Einheimischen in Kontakt. „Als Familie im Ausland ist alles anders, vor allem natürlich wegen der fremden Sprache. Das alles kostet viel Kraft. Zumal wir ja immer um sieben Uhr aufstehen“, sagt Louisa.

Robin aber gewöhnt sich schnell an die Kita. Bald sagt sie „Olá“ – Hallo auf Portugiesisch. Auf dem Campingplatz lernen sie eine andere deutsche Familie mit einem Kind in Robins Alter kennen, die auch aus Berlin kommt, ein Erasmus-Semester in Lissabon macht und mit einem Bus runtergefahren ist. Die beiden Familien suchen gemeinsam nach einer Wohnung für den Winter. Bald ziehen sie in eine Drei-Zimmer-Wohnung.

Sie würden es wieder machen - aber ohne Wohnwagen

Sie leben auf engem Raum – sparsam, aber zufrieden. Schnell ist das Semester vorbei. Louisa und Bastian schreiben und bestehen ihre Klausuren, geben ihre Hausarbeiten ab. Sie packen alles wieder ein und Louisa fliegt mit Robin zurück, während Bastian mit dem Auto in drei Tagen nach Berlin zurückfährt. „Diese Reise war anstrengend, schön und aufwendig“, sagt Louisa heute. „Mit einem Kind ist man nicht so flexibel und man muss viel mehr planen.“ Klar, dass sie es noch einmal machen würden. Aber ohne den Wohnwagen, sagt Bastian.

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