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Foto: Caroline Seidel/dpa
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Eine Grundschule nach Unterrichtsende.

Lehrermangel in Berlin Besser Quereinsteiger als kein Unterricht

Ein Skandal. Unsere Kinder, die Deutschlands Zukunft gestalten sollen, verdienen die beste Schule. Aber in Berlin hat von den eingestellten Pädagogen nur jeder Dritte auf Lehramt studiert, die anderen sind Quereinsteiger, denen zum Fachwissen die Pädagogik fehlt, oder Bewerber „ohne volle Lehrbefähigung“. Ja, das kann man einen Bildungsnotstand nennen. Typisch Berlin?

Es ist freilich ein Skandal, von dem alle Bundesländer betroffen sind. Lehrkräfte verzweifelt gesucht, das gilt auch für die Klassenbesten wie Sachsen oder Bayern, die sonst immer mit dem Finger auf die unfähigen Berliner weisen. Auch Sachsen ist inzwischen auf Quereinsteiger angewiesen. Zumal sich der Mangel noch verschärfen wird. Eine unerwartet steigende Geburtenrate und die Zuwanderung machen die Planung der Kultusminister zu Altpapier. Bis 2025 fehlen bundesweit über 60.000 Lehrer an Grundschulen und Oberstufen, sagen Studien .

Die verkorkste Berliner Schulpolitik, die seit Jahren von einem Problem ins nächste taumelt, die schon überfordert ist, die maroden Gebäude zügig zu sanieren und neue Schulen zu bauen, während die Leistungen in den Brennpunktschulen ungenügend bleiben, wird dadurch natürlich nicht besser. Aber der Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt immerhin, dass die flotten Verdikte der Berliner Opposition über das Versagen der rot-rot-grünen Koalition zu kurz greifen.

Der Zuzug war nicht vorhersehbar

In Berlin ist die Situation zweifellos besonders dramatisch. Der Zuzug hat die Stadt in wenigen Jahren um 200.000 Menschen wachsen lassen; bis 2025 wird die Schülerzahl um ein Viertel zunehmen – bis dahin sind 53 000 zusätzliche Plätze nötig. Das ist die Dimension, um die es geht. Angesichts der bekannten Berliner Verwaltungseffizienz ist das gruselig. Aber der pauschale Vorwurf, den enormen Zuzug hätte die Politik voraussehen müssen, ist Unsinn. Bis nach der Jahrtausendwende etwa schrumpfte Berlins Bevölkerung, statt, wie erwartet, deutlich zu steigen. Und selbst wenn die Kapazitäten für die Lehrerbildung früher erweitert worden wären, dauert es sechs Jahre, bis fertige Lehrer in die Schulen strömen.

Allen Bundesländern bleibt deshalb nur, die letzten Reserven zu mobilisieren. Der Wettbewerb um die rare Ressource wird noch härter werden. Berlin war durchaus erfolgreich, Pädagogen aus anderen Bundesländern mit einem hohen Einstiegsgehalt anzuwerben. Alte Hüte wie eine Verbeamtung, die für Berlin nun wieder vorgekramt werden, bleiben verstaubt – und auch dort, wo Lehrer Beamte sind, geht es nicht ohne Quereinsteiger.

Die aber haben es nicht verdient, dass etwa die Lehrergewerkschaft aus eigennützigen Motiven an ihnen herummäkelt. Quereinsteiger müssen immerhin einen Master in einem Fach haben, das in der Berliner Schule gelehrt wird – außerdem können mit den Quereinsteigern auch andere Ideen und berufliche Erfahrungen in den Schulalltag einziehen. Den „Lehrern ohne volle Lehrbefugnis“ wiederum wird als Makel vorgeworfen, dass sie statt Germanistik nur „Deutsch als Zweitsprache“ studiert haben oder Archäologie statt Geschichte – was an der Grundschule kaum eine Katastrophe sein dürfte.

Guter Unterricht muss gewährleistet sein

Ideal ist das sicher nicht, aber allemal besser, als keinen Unterricht zu erteilen. Zumal Quereinsteiger fortgebildet werden. Nicht zu akzeptieren ist dagegen, dass in Berlin sogenannte gute Schulen die vollausgebildeten Lehrkräfte erhalten, aber Quereinsteiger sich am Stadtrand konzentrieren oder an Problemschulen, wo es eigentlich die besten Pädagogen braucht.

Am kommenden Montag fängt das neue Schuljahr an. Eltern erwarten zu Recht, dass alles getan wird, um guten Unterricht zu gewährleisten. Berlins Schulverwaltung verdient jede Kritik, aber zumindest die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die Berlin sonst immer die rote Laterne beim Lernerfolg anhängt, hat Berlin jetzt Fortschritte bescheinigt. Wenn die gesamte Republik beim Thema Lehrer im Krisenmodus ist, gibt es für Berlin deshalb keine Alternative dazu, alles zu mobilisieren, was helfen kann: Pensionäre, Pädagogik-Studenten und Quereinsteiger. Jammern jedenfalls hilft nicht.

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