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Foto: Schild-Vogel
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Erich Freisleben ist niedergelassener Internist und Hausarzt in Berlin-Wedding

Themenschwerpunkt Alternativmedizin Für eine Medizin auf Beweis- und Erfahrungsbasis

Erich Freisleben

David Sackett, der wesentlichste Protagonist der evidenzbasierten Medizin, hatte diese noch auf drei Säulen gestellt: neben der externen Evidenz der Forschung zählten für ihn auch die besten Erfahrungen aus der Praxis und die Patientenpräferenz und -akzeptanz. Er sagte: „Gute Ärzte nutzen sowohl klinische Expertise als auch die beste verfügbare externe Evidenz, da keiner der beiden Faktoren allein ausreicht: Ohne klinische Erfahrung riskiert die ärztliche Praxis, durch den bloßen Rückgriff auf die Evidenz tyrannisiert zu werden, da selbst exzellente Forschungsergebnisse für den individuellen Patienten nicht anwendbar oder unpassend sein können.“ Die akademische Forschung hatte sich schon immer überwiegend auf allopathische, also „schulmedizinische“ Medikamentenwirkungen fokussiert. Auf dem Gebiet hat sie zwar eine hohe Kompetenz, unterliegt aber vielfältigen Einflüssen der Pharmaindustrie.

Evidenzbasiert und erfahrungsbasiert

Integrative Behandlungsmethoden, Körpertherapien, manuelle Therapien, Traditionelle Chinesische Medizin, Naturheilverfahren und auch die Homöopathie haben sich aus der Erfahrungswelt der Praxis heraus entwickelt. Was sich über lange Zeiträume in der Praxis bewährt hat, hat allein damit mit hoher Wahrscheinlichkeit einen echten therapeutischen Wert.

Wenn laut Umfragen 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung ergänzende komplementäre Behandlungsmethoden befürworten, beruht dieses Ergebnis vor allem auf guten Erfahrungen. Dies trifft auch auf die Homöopathie zu, sonst hätte sie sich nicht über 200 Jahre als beliebtes Verfahren erhalten und würde auch nicht von tausenden Ärzten eingesetzt. Daher hat sich in der Schweiz eine Mehrheit in einer demokratischen Abstimmung dafür ausgesprochen, dass die genannten Ergänzungen zur „Schulmedizin“ von den Krankenversicherungen bezahlt werden müssen.

In Deutschland soll allein die „Evidence-Based-Medicine“ Gültigkeit haben, also Verfahren, die in großen, teuren, placebokontrollierten Studien ihre Wirksamkeit bewiesen haben. Es wäre de facto eine Medizin, die fast ausschließlich auf der Perspektive der akademischen Forschung beruht. Damit würde die von Sackett genannte Gefahr der „Tyrannisierung“ der ärztlichen Praxis Wirklichkeit werden. Hätte es solche Vorgaben schon früher gegeben, dann hätte sich nie eine Psychotherapie in Deutschland entwickeln können. Sie wäre schlicht schon im Ansatz durch die Raster der naturwissenschaftlichen Untersuchungen gefallen. Denn eine Methode, die sich mit der komplexen und damit auch mit der subjektiv-ganzheitlichen Realität des Menschen beschäftigt, kann man weder ganz standardisieren noch gegen Scheinbehandlungen testen.

Die Wissenschaft hat den Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. Daher kann es kein Argument gegen eine Methode wie die der Homöopathie sein, wenn sie mit den derzeitigen naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachvollziehbar ist. Wenn sich wegen der schon kampagnenartig zu nennenden Angriffe gegen die Homöopathie Wissenschaftler nicht mehr trauen, darüber zu forschen, und wenn das Diktat einer solch einseitig ausgerichteten Forschung allein die medizinische Praxis beherrschen soll, widerspricht das auch pluralistisch-demokratischen Grundsätzen.

Paternalistische Attitüde

Als seit über dreißig Jahren praktizierender Arzt, der sich mit der Medizingeschichte Deutschlands auseinandergesetzt hat, gruselt es mir davor, dass den Menschen die Selbstbestimmung ihrer Behandlungsweise mit der paternalistischen Attitüde, sie vor ihrer eigenen Einfältigkeit schützen zu müssen, genommen werden soll. Und wenn Persönlichkeiten wie der Ärztekammerpräsident Montgomery und der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach in dieses Horn blasen, zeigt das leider, wie wenig auch Personen an den Schaltstellen der Gesundheitspolitik den Willen der Bevölkerung respektieren.

Erich Freisleben ist Hausarzt und Internist in Berlin-Wedding

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