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Foto: AFP
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„Nieder mit der Militärherrschaft“. Studierende demonstrieren in Kairo. An säkularen wie an religiösen Unis gibt es Proteste.

Unis in Ägypten Studieren und kämpfen

„Wann kommt endlich der Wandel?!“ Groß haben das die Demonstranten auf die Transparente geschrieben, mit denen sie über den Campus der Universität Kairo ziehen. Hunderte Studierende protestieren an diesem Nachmittag an der größten Uni Ägyptens. Sie skandieren Parolen und trillern mit ihren Pfeifen, als sie durchs Haupttor auf die Straße marschieren. Sicherheitskräfte drängen jeden ab, der ein Foto schießen will.

Kairo im April, mehr als ein Jahr nach Beginn des arabischen Frühlings. Von liberalen Studierenden ging damals die Revolution aus. Vieles hat sie seitdem enttäuscht, die islamischen Parteien haben bei den Parlamentswahlen gesiegt, die säkularen Kräfte geraten immer mehr in die Defensive. Doch die Studierenden geben nicht auf, kämpfen auf dem Campus und in der Stadt weiter für die Demokratie.

An allen Unis boykottieren Studierende immer wieder den Unterricht. Aktivisten campieren seit einigen Wochen auf dem Gelände der Uni Kairo, ihre Zelte haben sie auf der Wiese vor dem im Kolonialstil erbauten Hauptgebäude aufgeschlagen. An die Gebäude haben Studierende Graffiti gesprüht: Die rote Faust der Jugendbewegung 6. April etwa, die Gruppe initiierte die Demos auf dem Tahrir-Platz. Anderswo sind Köpfe von Kandidaten für die anstehenden Präsidentschaftswahlen aufgemalt. „Ihr seid Präsidenten des alten Regimes“, klagen die Aufschriften an.

Der Ingenieurstudent Omar Marei, 21, demonstrierte vor einem Jahr auf dem Tahrir-Platz. Mit leuchtenden Augen erzählt er, wie sich die Menschen umarmten, jubelten und vor Freude weinten, als Mubaraks Rücktritt bekannt wurde: „Das war der schönste Tag in meinem Leben.“ An seiner Uni wurde er kurz danach zum ersten Präsidenten der Studierendenvertretung gewählt. In diesen Tagen ist er wieder auf der Straße. Am Morgen protestierte er mit Tausenden vor dem Bildungsministerium. Jetzt, am Abend, ist er mit anderen Studierendenvertretern in die Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zu einer Diskussion über Parlamentarismus eingeladen. „Die wollen verhindern, dass wir als Bürger unser Land verändern“, ruft Omar erregt. Mit „die“ sind der Militärrat, die von ihm eingesetzte Regierung und die Muslimbruderschaft gemeint.

Anlass für die aktuellen Proteste sind Vorgänge rund um die Neuwahlen zu den Studierendenvertretungen. Die Regierung hat die Wahlen kurzfristig angesetzt, binnen einer Woche sollen sie stattfinden. „Ein Schock für uns“, sagt Omar. Die liberalen Studierenden sehen darin ein heimtückisches Manöver der Muslimbrüder. Diese seien an den Unis besser organisiert und spekulierten darauf, dass die Liberalen so schnell nicht genug Kandidaten aufstellen könnten, lautet der Vorwurf. Zudem hat die Regierung eine neue, demokratische Verfassung für die Studierendenschaften abgelehnt. Omar hat sie sieben Monate lang miterarbeitet. Alles schien auf einem guten Weg, bis plötzlich das Nein kam. Nun gilt wieder die Ordnung der Mubarak-Zeit. „Eine Polizeistaatsordnung“, schimpft Omar, denn sie erlaubt den Uniausschluss von Studenten, die sich auf dem Campus politisch äußern.

Hat sich wirklich nichts an den Unis geändert? Wurden nicht im vergangenen Jahr Dekane frei gewählt, die die vom alten Regime ernannten Funktionäre ablösten? Wurde die Allmacht einzelner Professoren nicht gebrochen? Die Sicherheitspolizei nicht vom Campus vertrieben?

Der Mittelalterhistoriker Mohamed Afifi gilt als einer, der schon früher dem Mubarak-Regime skeptisch gegenüberstand. In seinem Büro an der Uni Kairo stapeln sich auf massiven Bücherwänden Dissertationen aus Jahrzehnten. Schwarze Vorhänge lassen kaum einen Strahl der Nachmittagssonne hinein. Ähnlich düster wie Afifis Arbeitszimmer wirkt seine Stimmung. Als Historiker wisse er zwar, dass sich die Denkweise von Jahrzehnten nicht innerhalb von Monaten verändern lasse, sagt Afifi: „Als Privatperson bin ich aber überhaupt nicht optimistisch, was die aktuelle Lage angeht.“ Mubarak sei gestürzt, das System geblieben. Das gelte auch für die Hochschulen: „Die Lage an den Unis spiegelt die Gesamtsituation in Ägypten wider.“

Die Dekane seien zwar erstmals gewählt worden, sagt Afifi. Die Wahlen wurden aber bis in den Herbst verzögert, was die alten Eliten ausnutzten, „um Angst vor Veränderung zu schüren“. Durchgesetzt hätten sich so meistens die Vizes der alten Garde. Sogar der Unipräsident, ein Parteigänger Mubaraks und verstrickt in Korruptionsfälle, habe es geschafft, im Amt zu bleiben. Manche Professoren ließen Studenten weiterhin durchfallen, wenn diese sich weigerten, die teuren Bücher der Professoren zu kaufen. Man könne den Kollegen das fast nicht übel nehmen: Wegen der niedrigen Gehälter seien sie auf die Einnahmen aus den Bücherverkäufen angewiesen. Die Studenten seien zu recht frustriert, sagt Afifi – und hofft, dass sie weiterdemonstrieren: „Das ist die zweite Welle der Revolution.“

Warum die Proteste an der German University in Cairo (GUC) eskalieren, lesen Sie auf der nächsten Seite.

Wie der Kampf zwischen den oft im alten Denken verhafteten Unileitungen und den liberalen Studierenden eskalieren kann, zeigte sich vor kurzem ausgerechnet an einer privaten Uni, die eng mit Deutschland verbunden ist: An der German University in Kairo (GUC). Die GUC ist de iure eine ägyptische Privatuni, sie wird von Ägyptern geführt. Gleichwohl ist sie ein Prestigeprojekt der deutschen Wissenschaftsaußenpolitik. Die GUC arbeitet mit deutschen Unis und Firmen zusammen, mit mehrere Millionen Euro hat Deutschland die Uni unterstützt. Auch für deutsche Verhältnisse ist der Campus für die 9000 Studierenden in einem Außenbezirk Kairos großzügig und modern.

Auf dem Campus kam es im Februar zu lauten Protesten gegen den Militärrat, nachdem ein GUC-Student bei den Ausschreitungen von Port Said getötet wurde. Die Unileitung warf daraufhin zwei protestierende Studenten von der Hochschule. Tagelang demonstrierten danach tausende Studierende aus ganz Kairo vor der GUC, Dutzende übernachteten vor den Toren. Der Unileitung wurde vorgeworfen, besonders autoritär zu handeln, die Meinung der Studenten zu unterdrücken.

Inzwischen ist der Rauswurf rückgängig gemacht. Die 2011 ins Amt gekommene Vizepräsidentin Laila Mahran verteidigt das Vorgehen dennoch. Prinzipiell habe die Uni kein Problem, wenn sich Studierende auf dem Campus politisch äußerten. „Wir wollen aber nicht, dass der Protest fanatisch ist. Die Uni ist politisch, ideologisch und religiös neutral.“ Ob der Rauswurf übertrieben war? Die Uni sei lange geduldig gewesen, entgegnet Mahran: „Aber man muss Studenten ein Zeichen setzen, wenn etwas zu weit geht.“

Beim DAAD hält man sich zurück. Michael Harms, der Leiter der Kairoer Außenstelle, wertet die Vorgänge als „Teil dessen, was man auch an anderen Universitäten sieht“. Auch die Privatunis müssten den Demokratisierungsprozess voranbringen. Die Rhetorik der GUC-Verantwortlichen sei in der Tat „manchmal ungewöhnlich“. Das gelte aber ebenso für die Studierenden, etwa wenn sie in ihrem Forderungskatalog mehr Parkplätze wünschten oder forderten, ein Examen zu bestehen, wenn sie nur 40 Prozent der Aufgaben richtig beantworten.

Nun repräsentieren die liberalen Studenten nicht die gesamte Studierendenschaft. Auf dem Campus der Uni Kairo sind genauso Unterstützer der radikalen Salafisten beim Wahlkampf zu sehen. Sie breiten ein Banner auf dem Boden aus: „Schaut euch Ägypten an, wie es morgen sein wird!“ Dutzende drängeln sich darum und schreiben Wünsche auf das Plakat.

Und auch religiös geprägte Studierende demonstrieren, weil ihnen der demokratische Wandel nicht schnell genug geht, weil sie mit den Muslimbrüdern nicht zufrieden sind. Wie an der traditionsreichsten islamischen Uni Ägyptens, der Al-Azhar-Universität. Frauen und Männer lernen auf getrennten Campus. Zugelassen werden nur Muslime, Studierende belegen neben ihrem Hauptfach Kurse in Islamwissenschaft. Die Muslimbruderschaft dominierte zwar die Wahlen zu den Studentenvertretungen im vergangenen Jahr. Trotzdem kommt es an der Al Azhar häufig zu Streiks.

Bei einem Besuch am Germanistischen Seminar auf dem Männer-Campus diskutieren Studenten und Dozenten leidenschaftlich. „Wir Jungen fühlen uns nicht ernst genommen“, ruft ein Student. Ein Assistent kritisiert: „Die obersten Etagen in den Unis versuchen, ihre Pfründe zu retten. Das akzeptieren wir nicht.“ Die Studenten fordern neue Lehrpläne, ein Wissenschaftler wünscht sich die Öffnung der Al Azhar für nicht-muslimische Studierende und Forscher.

Beim DAAD tritt später Bundestagspräsident Norbert Lammert auf und diskutiert mit den Studierendenvertretern um Omar Marei. Aus vielen Fragen an Lammert spricht die Angst, die erkämpfte Freiheit an religiöse Kräfte zu verlieren. Die Studierenden wollen wissen, wie die Religion aus der Verfassung herausgehalten werden kann. Oder wie verhindert wird, dass eine Partei Parlament, Regierung, verfassungsgebende Versammlung und Präsidentenamt beherrscht.

Lammert sagt, er könne die Frustration der Studierenden verstehen. Wahlergebnisse müssten aber auch die Unterlegenen akzeptieren. Womöglich sei es eine Chance, dass islamische Kräfte in der verfassungsgebenden Versammlung in der Mehrheit seien: Die „heikle Frage“, wie Staat und Religion getrennt werden, müsse von der islamischen Mehrheit beantwortet werden, wenn sie die Gesellschaft nicht zerreißen solle. Lammert versucht die Studierenden mit einem Vergleich zu trösten. Die ersten freien Wahlen in der DDR seien für die ostdeutschen Bürgerrechtler ähnlich enttäuschend ausgegangen wie jetzt die Parlamentswahlen für die ägyptischen Bürgerrechtler. Zwanzig Jahre später sei ein Bürgerrechtler zum deutschen Präsidenten gewählt: „Es ist nicht so hoffnungslos, wie Sie denken.“

Omar Marei ist beeindruckt. Er kämpfe weiter: „Ich will etwas Sinnvolles für die Gesellschaft machen.“ Spätestens die nächste Generation werde es besser haben, ist er überzeugt. „Wir haben keine Angst mehr. Das ist ein großer Fortschritt.“

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