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Neue Sachlichkeit. Über spezielle Webseiten finden konsumfreudige Frauen und solvente Herren zusammen. Wie weit sie gehen, ist Verhandlungssache.

Zweisamkeit als Tauschgeschäft Sugarbabe sucht Sugardaddy

Patrizia, sagt die 24-Jährige, so würde sie gerne heißen. Nicht im echten Leben, aber doch in dieser Geschichte. Gut, Patrizia also. Dass Patrizia einen anderen Namen möchte, ist so verständlich wie vielsagend. Verständlich, weil sie Sorge hat, dass ihre Mutter erfährt, wie sie ihre Reisen und Abendunterhaltung finanziert. Und vielsagend, weil es in dieser Geschichte hauptsächlich um eines geht: Schein und Status – und ihr echter Name, das darf man sagen, klingt wesentlich weniger aristokratisch als Patrizia.

Patrizia trifft sich mit Männern, die Geld haben. Oder besser: Patrizia trifft sich mit Männern, weil sie Geld haben. Sie lässt sich bezahlen dafür, dass Männer mit ihr ausgehen dürfen. Mit Bargeld, vor allem aber mit Flugreisen, Abendessen, Opernkarten. Patrizia ist, was in Frauenzeitschriften und Onlineforen ein Sugarbabe genannt wird.

Die 2006 gegründete US-Webseite seekingarrangement.com, auf der Sugarbabes zahlungswillige Männer suchen können, hat nach eigenen Angaben inzwischen eine runde Million Mitglieder weltweit, das 2011 gestartete deutsche Pendant mysugardaddy.eu immerhin 80 000. Mittelfristig sei eine gute sechsstellige Mitgliederzahl realistisch, glaubt der Betreiber. Auch weil er das Geschäft auf schwule Kundschaft ausdehnen und nicht nur „finanziell unabhängige Männer (Sugardaddy) und selbstbewusste und attraktive Single-Frauen (Sugarbabe)“ vernetzen will, sondern auch solvente Sugardaddys mit konsumorientierten Sugarboys .

Die Details der Arrangements handeln die Beteiligten selbst aus. Worum es geht, daraus wird in den Profilen jedoch kein Geheimnis gemacht. Geldherrin93 beispielsweise: „Suche Sugardaddy, der mich monatlich finanziell unterstützt! Ich liebe Shoppen und den Luxus und suche jemanden, der mir hierfür das nötige Kleingeld zur Verfügung stellt.“

Hat Houellebecq Recht, wenn er schreibt, Intimität sei eine Ware?

Hat der französische Autor Michel Houellebecq also recht, wenn er seit Jahren in Büchern wie „Die Ausweitung der Kampfzone“ die These vertritt, dass Intimität im Spätkapitalismus längst den Regeln des Marktes unterworfen und eine Ware ist, die man im Austausch gegen Geld, Schönheit oder Jugend erhält? Zweisamkeit als Transaktion? Für wen ist das reizvoll? Und kann das funktionieren?

„Warum nicht?“, fragt Patrizia zurück. Sie sitzt in einem Cocktailladen in der Nähe vom Berliner Winterfeldtplatz. Sie trägt eine weiße Bluse, einen grauen Rock, die braunen Haare zu einem strengen Zopf gebunden. Sie ist kein Modeltyp. Eher der Typ Chefsekretärin. Sie sitzt aufrecht, redet überlegt. Ein kontrollierter Mensch. „Wirke ich so?“, fragt sie amüsiert. „Kann gut sein.“

Vor einem Jahr hat sie angefangen, sich über Sugardaddy-Webseiten zu verabreden. Wie viele Männer sie seitdem getroffen hat? „Viele“, sagt sie. „30 vielleicht?“ Die meisten hat sie aber nur ein oder zweimal gesehen. „Ich probiere gerne neue Sachen aus, und ich langweile mich schnell.“ Auch deshalb ist ihr das Internet lieber als Bars. „Ich hasse Smalltalk. Zeitverschwendung!“

Sie beeindrucken selbstsichere Männer. Die, die sie trifft, sind das selten

Sie persönlich beeindrucken Männer, die selbstsicher sind. Männer, die niemandem etwas beweisen müssen, zielstrebig sind. Die Männer, die sie über die Seiten trifft, sind das eher selten. Aber einen Partner zu finden, darum gehe es ihr ja auch gar nicht. Sie hat einen Mann, den sie liebt, aber mit dem sie nicht zusammen sein kann. „Ist kompliziert“, sagt sie. Er lebt im Ausland. Weit weg. Genauer will sie nicht werden.

Über die Motive für die Dates spricht sie hingegen offen. Sie stamme aus Russland, sagt sie. Ihre Eltern hätten dort früher Privilegien genossen. In Deutschland seien sie nur normale Arbeiter. „Ich bin oft enttäuscht, weil es sich anfühlt, als wäre ich um einen Status gebracht worden, der mir eigentlich zusteht.“ Und so tauscht sie jetzt ihre Gesellschaft gegen Abendessen im Grill Royal oder Karten für Klassikkonzerte.

Darüber hinaus sieht sie die Treffen als Teil ihrer Ausbildung. „Ich will mal ein eigenes Unternehmen leiten, und da kann es ja nicht schaden, wenn man weiß, wie sich die Alphatiere gebärden“, sagt sie. Habe sie schon erwähnt, dass sie Soziologie studiere? Das Date als angewandte Feldforschung. „So ungefähr“, sagt sie und muss dann doch mal lachen.

Reich ist sie bis dato nicht geworden. Ein paar hundert Euro Taschengeld hier, ein paar Euro Taxigeld da. Aber sie kommt gut rum. Im vergangenen Jahr wurde sie unter anderem nach Rom, Oslo, Zürich und London eingeflogen. Nur eine Einladung nach Dubai hat sie ausgeschlagen. „Da weiß man ja nicht, ob man wiederkommt“, sagt sie und auch das klingt nicht wie ein Witz, sondern wie das Ergebnis einer Preis-Nutzen-Kalkulation.

Der Preis, den sie bei den Arrangements bezahlt, ist, dass sie gelegentlich bei Typen landet, die sie lieber nicht getroffen hätte. Wie dem marokkanischen Geschäftsmann aus Belgien zum Beispiel, der sie gleich angrapschte und am Ende, nachdem sie sich zu einer Freundin geflüchtet hatte, von der Straße aus anschrie, sie schulde ihm noch zwölf Euro fürs Taxi. Es hatte Krach gegeben. Der Mann wollte mit ihr schlafen. Sie wollte das nicht. Das habe sie mit keinem ihrer Sugardaddys. „Ich schulde niemandem etwas, nur weil er mir ’ne Cola ausgibt.“

Ein Missverständnis, das nicht selten auftauchen dürfte. Schließlich haftet den Sugardaddy-Arrangements von jeher der Ruch der verkappten Prostitution an, auch wenn die Betreiber der Seiten das mit Vehemenz von sich weisen. In den USA wird das Sugardaddytum häufig als Form der Studienfinanzierung propagiert – aber dort sind ja nicht nur die Unigebühren hoch, sondern auch Prostitution fast ausnahmslos verboten.

Ist Intimität nicht immer ein Tauschgeschäft?

Doch wo liegen die Grenzen? Ist Intimität nicht immer ein Tauschgeschäft? Romantische Menschen mögen das verurteilen, für viele scheint das auf die eine oder andere Art jedoch Alltag zu sein. Die Idee, dass Liebe die Grundlage einer Beziehung sein soll, ist in der Geschichte der Menschheit eine sehr junge. Noch Immanuel Kant nannte die Ehe eine „Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften“. Wer sich eine Folge der TV-Show „Catch The Millionaire“ anschaut, in der junge Frauen um einen gutsituierten Junggesellen buhlen, muss sich fragen, ob sich da allzu viel geändert hat.

Geld zieht an, glaubt auch Patrizia. Deshalb lögen Männer über ihr Einkommen und ließen sich Frauen von Statussymbolen blenden. „Die schlafen dann mit jemandem, weil er ein dickes Auto hat.“

Oder, weil er ihnen eins kaufen will. Sandra zum Beispiel. Auch sie ist ein Sugarbabe. Mit den meisten Männern, die sie über die Sugardaddy-Webseiten kennengelernt hat, sei sie erst essen und dann im Hotel gewesen, erzählt sie. Auf einem ihrer Profilbilder lutscht die 26-Jährige an ihrem Finger und schreibt, dass sie monatlich mindestens 3000 Euro sehen möchte. Als Auszubildende zur Einzelhandelskauffrau verdient sie derzeit 700 Euro.

Sandra sitzt in einem Café am Potsdamer Platz. Auch sie sieht nicht aus wie ein klassisches Model, aber sie weiß, wie man ein Dekolleté öffentlichkeitswirksam in Szene setzt, und sie kann gucken wie ein angeschossenes Reh.

Das Programm: Frühstück, Sex im Wald, Eis essen

Sie komme übrigens gerade von einem Date, berichtet sie munter. Ein Mann in den 50ern, Berliner Unternehmer, geschieden. Das Programm: Frühstück am Scharmützelsee, danach Sex im Wald, Cabrio fahren, ein Eis an der Tankstelle.

Geld hat sie noch nicht gesehen, aber das bekommt sie noch. Da macht sie sich keine Sorgen. Der Mann habe ihr gleich einen Heiratsantrag gemacht. Sie muss schmunzeln. Ihr passiert so etwas nicht das erste Mal. Außerdem hat er versprochen, ihr ein Auto zu kaufen und eine kleine Schönheits-OP zu bezahlen. Die nehme sie auf jeden Fall noch mit. Danach werde sie ihn abservieren.

Skrupel? Nö, sagt sie. Warum? Für ein Auto würde sie auch lügen. „Wer sich auf so einer Seite anmeldet, muss doch wissen, dass er ausgenutzt wird“, findet sie und ihre nackten Schulten zucken kurz. Überhaupt: Manche Männer empfänden doch Lust dabei, finanziell ausgenutzt zu werden. Geldsklaven nenne man die in der Szene.

Wenn Leute sagten, Sugarbabes seien nichts anderes als Prostituierte, gehört sie nicht zu denen, die laut protestieren. Sie ist eine. Neben der Ausbildung arbeitet sie zwei Tage die Woche in einem Bordell. Sie will mal ein Haus haben, finanziell unabhängig sein. Der Sex ist Mittel zum Zweck und die Sugardaddy-Webseiten schlicht die Ausweitung der Geschäftszone. Sogar das Interview, das sie gibt, ist für sie Arbeit. Ein Webseitenbetreiber zahlt ihr wie den anderen Interviewten in dieser Geschichte eine Aufwandsentschädigung von 200 Euro. Ohne das scheint niemand reden zu wollen. Auch Sandra heißt übrigens nicht Sandra. Sie schämt sich nicht für ihren richtigen Namen. Sie macht sich Sorgen ums Geschäft.

Eine besonders hohe Meinung hat sie nicht von den Männern, die sie bisher getroffen hat. Die meisten hätten zu viel Zeit und seien naiv. Insgeheim hofften sie immer, eine Beziehung zu finden.

„Klassischer Fehler“, findet Christian Wenger und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Wer sich das vormacht, muss unglücklich werden.“ Wenger ist 46 und wirkt gleichzeitig wuchtig und weich. Gerade hat er sein Frühstück in einem Café in Mitte beendet. Er trägt einen blauen Anzug, die blonden Haare kurz, das weiße Hemd offen. Er sei leitender Angestellter bei einem Großkonzern, sagt er etwas nebulös.

Wenger ist Sugardaddy. Gerne, wie er sagt. Nach zwölf Jahren Ehe und einer Scheidung sucht er keine Beziehung. Er hat gar keine Zeit. Er reise viel. Berufsbedingt. Deshalb hat er seit zehn Jahren wechselnde Freundinnen, die er finanziell unterstützt.

Er zieht Vergleiche zu Geishas und zum Onlineshopping

Die Webseiten seien eine Möglichkeit, interessante Leute kennenzulernen, sagt er, zieht einen Vergleich zur japanischen Geisha-Kultur und dann einen zum Onlineshopping. Er stockt. „Das war jetzt nicht so gemeint“, schiebt er hinterher. Dabei liegt der Vergleich ja nicht fern, schaut man sich an, dass Dating-Webseiten heute mitunter Namen wie „Shop a man“ tragen und ihren Kunden ermöglichen, die Objekte ihrer Begierde in virtuelle Warenkörbe zu packen.

Wenger will reden, weil er findet, es werde zu viel Drama um die Arrangements gemacht. Die Geschichten von liebeskranken Chefärzten in den Fängen geldsaugender Vampire seien doch Quatsch. Seiner Erfahrung nach – und er tausche sich regelmäßig mit anderen Sugardaddys aus – sind das Ausnahmen.

Mit seinem derzeitigen Sugarbabe, einer Studentin, trifft er sich etwa zweimal die Woche. Geht mit ihr in den Cirque du Soleil, essen, Ballon- oder Geländewagenfahren. Außerdem hat er ihr ein Cabrio geleast. Auf seinen Namen. 500 bis 600 Euro lässt er sich das im Monat kosten. Er habe einer Frau aber auch schon mal 1000 Euro im Monat als Apanage gezahlt. „Klar. Das muss man sich leisten können.“

Sein Sugarbabe hat einen Freund, der nichts von ihm wisse, sagt er. Ein gut aussehender Weltverbesserer sei das. „Wale retten, Umwelt schützen. Früher habe ich auch mal so einen Quatsch geredet“, sagt er und rollt die Augen. Als Konkurrenz empfindet er ihn nicht. Im Gegenteil. Der Typ entlaste ihn. „Ich weiß, dass ich manche Ansprüche einer jungen Frau nicht erfüllen kann“, sagt er und tätschelt sein Hemd, das über dem Bauch etwas spannt.

Um Sex allein gehe es nicht. Den könne man billiger haben

Von Prostitution will auch er nicht reden. Natürlich schläft er mit den Frauen, sagt er. Aber nur um Sex gehe es nicht. Den könne man billiger haben.

Um nicht auf die Nase zu fallen, hat er sich ein paar Regeln aufgestellt: keine Fotos von sich und seinen Sugarbabes, keine Küsse in der Öffentlichkeit, wenn er sich verliebt, behält er das für sich. Nicht zu viele Fragen stellen. „Wer zu viel fragt, wird belogen.“

Wenn sie verreisen, dann stellt er die Frauen inzwischen nicht mehr als Freundinnen, sondern als seine Töchter vor. „Manch einer mag sich einbilden, andere hielten ihn für einen Hengst, wenn er mit einer jungen Frau am Arm rumlaufe. Doch tatsächlich gilt man als alter Sack, der es nötig hat, und die Leute tuscheln“, sagt Wenger. Deshalb bat auch er darum, einen anderen Namen zu bekommen. Nicht mal seine Freunde wissen von seinen Beziehungen.

Fühlt er sich nicht manchmal ausgenutzt? Frauen, die ihn nur als laufenden Geldautomaten betrachten und gleich beim ersten Date Prada-Taschen kaufen gehen wollten, habe er auch schon getroffen, sagt er. Aber solche sogenannten Golddigger sortiere er inzwischen gleich aus. „Wenn sie einen Treffpunkt für ein erstes Date vorschlagen soll und gleich mit dem Adlon kommt, weiß ich doch Bescheid“, sagt er.

Ein paar hundert Euro hat ihn der Spaß gekostet

Trotzdem hat er mal einen Abend lang zugeschaut, wie sich eine Frau, die er nicht anziehend fand, auf seine Rechnung ein Glas Champagner nach dem nächsten reingeschüttet hat. „Die war am Ende völlig dicht, aber ich wollte mal sehen, wie weit die geht“, sagt er. Entertainment sei das gewesen. „Eine Art niveauvoller Freizeitspaß.“ Ein paar hundert Euro hat ihn dieser Spaß gekostet.

Dass junge Frauen bei der Sache mitmachen, verwundert ihn nicht. „Zum einen haben die Menschen immer weniger Geld, aber hohe materielle Ansprüche.“ Zum anderen gebe es doch einen gesellschaftlichen Trend zur Unverbindlichkeit. Keine Verpflichtungen, kaum Risiko, verletzt zu werden. Da seien diese Arrangements reizvoll. „Das ist ein Vertrag, und der ist jederzeit kündbar.“

Seinen zu kündigen, hat er so schnell nicht vor. Genauso wenig wie Sandra oder Patrizia. Patrizia sagt, dass sie sogar Sugarbabe bleiben würde, wenn sie einen Freund hätte. Warum auch nicht? Schließlich gehe es nicht um Liebe. Viel entscheidender seien doch Nebeneffekte wie potenzielle Jobchancen, Networking und Kontaktpflege. Und Sandra? Die hat einen Freund. „Der weiß, was ich mache“, sagt sie. Das sei Geschäft, den störe das nicht. Im Gegenteil. Mit dem Geld, das sie sparen, wollen sie auswandern. Ihr Traum: ein Bordell auf Mallorca.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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